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Inselmeer – 2: Lesbos

Oral Toğa29. Oktober 202613 Min. Lesezeit
Molivos (Mithimna) ve Ceneviz kalesi (2007). Fotoğraf: Mike Peel (CC BY-SA 4.0).

Lesbos ist mit einer Fläche von 1.633 Quadratkilometern nach Kreta und Euböa die drittgrößte Insel Griechenlands. Nach der Volkszählung von 2021 leben auf der Insel 83.755 Menschen. Davon konzentrieren sich 41.379 im Gemeindebezirk, in dem die Stadt Mytilini liegt, also an der Ostküste der Insel. Durch die Verwaltungsreform von 2019 wurde die Insel in zwei Gemeinden geteilt. Die Gemeinde Mytilini mit 59.034 Einwohnern umfasst den Osten und Süden der Insel. Die Gemeinde West-Lesbos mit 24.721 Einwohnern und dem Verwaltungssitz Kalloni erstreckt sich über den Westen und Norden.

Im ersten Artikel der Reihe hatte ich die Inseln der nördlichen Ägäis als Ganzes betrachtet und kurz die Olivenölwirtschaft von Lesbos, die 1922 eingetroffenen Flüchtlinge und die Migrationswelle von 2015 angesprochen. In den folgenden Artikeln werde ich die Inseln einzeln behandeln. Dieser mit Lesbos beginnende Beitrag untersucht die Insel Ort für Ort. Denn zwischen dem Osten und Westen von Lesbos, zwischen Bergdörfern und Küstenorten bestehen deutliche Unterschiede hinsichtlich der Lebensgrundlagen, religiösen Praktiken, politischen Traditionen und jüngeren Geschichte.

Historischer Hintergrund

1355 ging die Insel als Mitgift der Schwester des byzantinischen Kaisers an die genuesische Familie Gattilusio über. Die Familie herrschte mehr als ein Jahrhundert über die Insel und verstärkte die Festungen von Mytilini und Molyvos. Nach der Eroberung Konstantinopels behaupteten sich die Gattilusio durch Tributzahlungen an die Osmanen. Ihre Herrschaft endete, als Sultan Mehmed der Eroberer die Insel im September 1462 einnahm. Nach der Eroberung wurde ein Teil der wohlhabenden Familien der Insel nach Istanbul umgesiedelt; zugleich kamen muslimische Siedler aus Rumelien und Anatolien. Der Eroberer ermutigte seine Soldaten, sich auf der Insel niederzulassen und einheimische Frauen zu heiraten. Zu diesen Soldaten gehörte auch Yakup Ağa, der Vater der Brüder Barbaros. Hızır Reis, auch Barbaros Hayreddin genannt, ließ später an seinem Geburtsort eine Medrese, eine Tekke und ein Imaret errichten.

In osmanischer Zeit wurde die Insel nach ihrer Hauptstadt als Sandschak Midilli bezeichnet. Mytilini und Molova, das heutige Molyvos, waren Amtssitze von Kadis. Die große Mehrheit der Bevölkerung blieb griechisch-orthodox. Allerdings bildete sich auch eine bedeutende muslimische Gemeinschaft aus Zugewanderten und Konvertiten. Der Anteil muslimischer Haushalte lag 1488 bei 7,4 Prozent, erreichte 1831 mit 19,45 Prozent seinen Höchststand und sank bis 1892 auf 14 Prozent. Die Beziehungen zwischen beiden Gemeinschaften waren im Allgemeinen gut, und ein erheblicher Teil der Inselbewohner sprach sowohl Griechisch als auch Türkisch.

Seit dem 18. Jahrhundert entwickelte sich Mytilini zu einem der geschäftigsten osmanischen Häfen der Ägäis. Die Einwohnerzahl der Stadt verfünffachte sich während der osmanischen Zeit. Der Wohlstand konzentrierte sich weitgehend in den Händen des griechischen Bürgertums. Dieser Wohlstand wird als einer der Gründe dafür angeführt, dass sich die Insel nicht am Aufstand von 1821 beteiligte. Das Erdbeben von 1867 zerstörte einen Großteil der frühen osmanischen Bauten und der Stadtmauern. Namık Kemal war zwischen 1877 und 1884 in der Verwaltung der Insel tätig.

Paul des Granges, Stadt und Festung von Mytilini (Abzug von 1881 nach einem Negativ von 1869). Gemeinfrei.
Paul des Granges, Stadt und Festung von Mytilini (Abzug von 1881 nach einem Negativ von 1869). Gemeinfrei.

Die griechische Flotte unter Admiral Pavlos Kountouriotis erschien im November 1912 vor Mytilini. Das Datum war nach dem julianischen Kalender der 8. November, nach dem gregorianischen der 21. November. Die osmanischen Behörden übergaben die Stadt und zogen sich ins Inselinnere zurück. Die osmanischen Truppen auf der Insel kapitulierten einen Monat später, am 21. Dezember 1912. Mit dem Bevölkerungsaustausch von 1923 verließ die muslimische Bevölkerung die Insel; an ihrer Stelle ließen sich griechische Flüchtlinge aus Anatolien nieder. Im Zweiten Weltkrieg geriet die Insel unter deutsche Besatzung und wurde am 10. September 1944 befreit.

Die Handelsfamilien der Insel hatten bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts begonnen, sich Kreta und Piräus zuzuwenden. Der Verlust des anatolischen Absatzmarktes beschleunigte diese Entwicklung. Die Familie des nobelpreisgekrönten Dichters Odysseas Elytis ist ein Beispiel dafür. Die aus Lesbos stammende Familie Alepoudelis verlagerte ihr Seifen- und Olivenölgeschäft 1895 nach Iraklio auf Kreta und 1914 nach Piräus. Die Mutter des Dichters stammte dagegen aus dem Dorf Papados in der Region Gera auf der Insel.

Die Stadt Mytilini

Die Stadt Mytilini (Μυτιλήνη, Mitilini) entstand um die Festung, die sich auf einem Hügel zwischen zwei Häfen erhebt. Die erste Bauphase der Anlage, die zu den großen Festungen des Mittelmeerraums zählt, wird vermutlich auf das 6. Jahrhundert datiert. Die Burg war Residenz der Familie Gattilusio. Nachdem Şehzade Korkut die venezianische Belagerung von 1501 abgewehrt hatte, wurde sie unter Bayezid II. mit Geschützbastionen verstärkt.

Επάνω Σκάλα (Epano Skala), also die „Obere Anlegestelle“, im Norden der Stadt ist das ehemalige türkische Viertel. Die Yeni Cami im Basar des Viertels ließ Mustafa Ağa, der Steuereinnehmer und Gouverneur von Lesbos, 1825 erbauen. Sie ist die größte und jüngste osmanische Moschee der Insel. Nach dem Weggang der muslimischen Bevölkerung 1923 wurde das Gebäude aufgegeben; im Laufe der Zeit stürzte sein Dach ein. Anfang der 2000er-Jahre wurde es teilweise restauriert.

Die Yeni Cami in Epano Skala (2016). Foto: KureCewlik81 (CC BY-SA 4.0).
Die Yeni Cami in Epano Skala (2016). Foto: KureCewlik81 (CC BY-SA 4.0).

Das Viertel Varia im Süden der Stadt ist dagegen für das künstlerische Leben der Insel bekannt. Der naive Maler Theofilos Chatzimichail wuchs dort auf. Tériade, mit bürgerlichem Namen Stratis Eleftheriadis, ein von Lesbos stammender Verleger, der in Paris Bücher von Matisse, Picasso und Chagall herausgab, gründete hier 1965 ein Museum mit 86 Gemälden von Theofilos und schenkte es der Gemeinde. Das Museum mit Bibliothek, das Tériades eigene Sammlung beherbergt, liegt im selben Viertel.

Heute ist die Stadt das Verwaltungs-, Handels- und Bildungszentrum der Insel. Hier befindet sich der Sitz der Universität der Ägäis (Πανεπιστήμιο Αιγαίου). Auch der Flughafen und der Fährhafen der Insel liegen in der Stadt. Dass fast die Hälfte der Inselbevölkerung in diesem Gemeindebezirk lebt, ist eine Folge der anhaltenden Abwanderung vom Land in die Stadt.

Agiasos

Agiasos ist ein Bergort 26 Kilometer von Mytilini entfernt, am Hang des Olympos (Olimpos) auf ungefähr 475 Metern Höhe. Für die Entwicklung des Ortes war ein Privileg aus osmanischer Zeit entscheidend. Durch einen Erlass von 1701 wurde Agiasos von Steuern befreit. Um dieses Privileg zu nutzen, siedelten die Einwohner der umliegenden Dörfer in großer Zahl in den Ort um.

Im Ortszentrum steht die Kirche Παναγία Βρεφοκρατούσα (Panayia Vrefokratusa), also „Maria, die ihr Kind in den Armen hält“. Sie ist einer der größten Wallfahrtsorte der Insel. Jedes Jahr am 15. August wird die Marienikone in einer Prozession durch den Ort getragen. Ein Teil der Pilger legt den etwa 25 Kilometer langen Weg von Mytilini nach Agiasos zu Fuß zurück. Die Mieten der Läden unterhalb der Kirche gehörten historisch ebenfalls zu ihren Einnahmen.

Die Kirche Panayia Vrefokratusa und ihr Glockenturm in Agiasos. Foto: Tedmek, gemeinfrei.
Die Kirche Panayia Vrefokratusa und ihr Glockenturm in Agiasos. Foto: Tedmek, gemeinfrei.

Die Bevölkerungsentwicklung von Agiasos fasst die allgemeine Geschichte der Bergdörfer der Insel zusammen. 1912 hatte der Ort mehr als 7.000 Einwohner. Nach 1922 kamen über 1.000 Flüchtlinge hinzu, von denen ein Teil sechzehn Jahre lang im Gästehaus der Kirche untergebracht war. Während der Besatzungszeit arbeiteten die Leitung und ein großer Teil der Mitglieder des örtlichen Lesevereins mit der linken Widerstandsorganisation EAM zusammen. Deshalb geriet der Leseverein nach dem Krieg ins Visier eines großen Teils der Ortsbevölkerung. 1956 kam es zu einer kollektiven Auswanderung von Agiasos nach Australien. Neben wirtschaftlichen Gründen nennen örtliche Quellen auch den psychischen Druck, dem viele Familien in den Jahren nach dem Bürgerkrieg ausgesetzt waren. Bei der Volkszählung 2011 war die Einwohnerzahl von Agiasos auf 2.320 gesunken.

Mandamados

Mandamados im Nordosten der Insel beherbergt einen der wichtigsten Wallfahrtsorte Griechenlands. Der Überlieferung nach wurde die Ikone des außerhalb des Ortes gelegenen Klosters Ταξιάρχης (Taksiarhis), also des Erzengels Michael, aus Erde gefertigt, die mit dem Blut von Mönchen getränkt war, die bei einem Überfall getötet worden waren. Manche Fassungen dieser Überlieferung verbinden den Überfall mit Piratenangriffen im 9. und 10. Jahrhundert, andere mit der Eroberung von 1462. Das erste Dokument, das die Existenz des Klosters belegt, stammt dagegen aus dem Jahr 1661. Pilger hinterlassen kleine Metallschuhe an der Ikone. Nach dem Volksglauben verschleißt der Erzengel seine Schuhe, weil er nachts über die Insel wandert.

Das Kloster Taksiarhis in Mandamados (2016). Foto: Aleksei m (CC BY-SA 4.0).
Das Kloster Taksiarhis in Mandamados (2016). Foto: Aleksei m (CC BY-SA 4.0).

Mandamados ist zugleich eines der Viehzuchtgebiete der Insel. Zu den Erzeugnissen der Region gehört der Inselkäse λαδοτύρι (ladotiri), der in Olivenöl aufbewahrt wird. Auch die politische Vergangenheit des Ortes ist bemerkenswert. Bis zum Jahr 2000 gehörte Mandamados zu den wenigen Orten, die einen Bürgermeister der Kommunistischen Partei Griechenlands (KKE) wählten. Der heutige Gemeindebezirk umfasst Mandamados, wo nach der Volkszählung 2021 insgesamt 2.070 Menschen leben, sowie die Dörfer Kapi, Klio und Pelopi. In einem Rinderbetrieb in Pelopi wurde auch der erste Fall der Maul- und Klauenseuche festgestellt, die die Insel 2026 traf.

Molyvos, Petra und Skala Sikamias

Molyvos (Μόλυβος) an der Nordküste der Insel, in der Antike Methymna genannt, war seit dem Altertum ein Rivale der Stadt Mytilini. Im Gegensatz zu Mytilini, das sich gegen Athen erhob, stellte sich Methymna 428 v. Chr. auf die Seite Athens. Nach der Niederschlagung des Aufstands war es die einzige Stadt auf Lesbos, deren Land nicht an athenische Siedler verteilt wurde. In osmanischer Zeit war der Ort unter dem Namen Molova die zweite Stadt der Insel und Amtssitz eines Kadis. 1874 machte die muslimische Bevölkerung mehr als die Hälfte der Stadtbewohner aus. Molyvos schrumpfte im 19. Jahrhundert rasch; dieser Rückgang setzte sich im 20. Jahrhundert fort. Nach dem Übergang unter griechische Verwaltung wurde Methymna wieder als amtlicher Name festgelegt. Die Bevölkerung nennt den Ort jedoch weiterhin Molyvos. 2021 lebten dort 1.335 Menschen.

Früher verarbeiteten die Einwohner von Molyvos im Winter Oliven. Im Sommer brachten die Kapitäne des Ortes das Olivenöl der Insel in die Häfen des Mittelmeers. Heute zählt der Ort zu den wichtigsten Tourismuszentren der Insel. Deshalb gehörte er zu den am stärksten von der Migrationskrise 2015 betroffenen Orten. Nach Angaben des Tourismusvereins von Molyvos sank die Zahl europäischer Besucher von 75.613 im Jahr 2015 auf 43.756 im Jahr 2017. Auch der aus Ayvalık geflüchtete Schriftsteller Ilias Venezis ließ sich 1922 in Molyvos nieder.

Petra, sechs Kilometer südlich von Molyvos, verdankt seinen Namen dem Felsen in der Dorfmitte. Die Frauen des Dorfes gründeten hier 1983 die erste Agrartourismusgenossenschaft Griechenlands.

Skala Sikamias am östlichen Ende der Nordküste ist dagegen ein kleiner Fischerhafen. Der Schriftsteller Stratis Myrivilis wurde 1890 im unmittelbar oberhalb gelegenen Dorf Sikamia geboren. Sein Ende der 1940er-Jahre erschienener Roman Παναγιά η Γοργόνα (Panayia i Gorgona), also „Maria als Meerjungfrau“, erzählt die Geschichte von Flüchtlingen, die 1922 aus Anatolien flohen und sich in Skala niederließen. Der Titel des Romans geht auf die kleine Kirche am Hafen zurück. An ihrer Wand befand sich ein Fresko, das Maria mit einem Meerjungfrauenschwanz darstellte. 2015 wurde derselbe Hafen zum ersten Ankunftsort für mehr als 200.000 Menschen, die nach Europa gelangen wollten.

Die Kirche Panayia Gorgona im Hafen von Skala Sikamias (2007). Gemeinfrei.
Die Kirche Panayia Gorgona im Hafen von Skala Sikamias (2007). Gemeinfrei.

Kalloni und Agia Paraskevi

Kalloni im Zentrum der Insel ist seit 2019 Verwaltungssitz der Gemeinde West-Lesbos. Der Ort war in osmanischer Zeit unter dem Namen Kalonya Zentrum eines Unterbezirks des Bezirks Molova. Er liegt inmitten einer etwa 100 Quadratkilometer großen Ebene, die von sechs Bächen bewässert wird. Der Gemeindebezirk hatte 2021 insgesamt 7.762 Einwohner. Der Golf von Kalloni ist ein flaches und fruchtbares Feuchtgebiet. Er ist für seine Flamingos und seine berühmten Sardinen bekannt. Im Juli findet in Skala Kallonis ein Sardinenfest statt. Es wird angenommen, dass Aristoteles an den Ufern dieses Golfs, in der antiken Lagune von Pyrrha, mit seinen systematischen zoologischen Beobachtungen begann.

Flamingos über den Salinen von Kalloni (2017). Foto: Nikostakis78 (CC BY-SA 4.0).
Flamingos über den Salinen von Kalloni (2017). Foto: Nikostakis78 (CC BY-SA 4.0).

Agia Paraskevi am nordöstlichen Ufer des Golfs wird wegen seiner Herrenhäuser und seiner Architektur auf der Insel als „Klein-Paris“ bezeichnet. Im vorherigen Artikel hatte ich die gemeinschaftliche Ölmühle erwähnt, die die Dorfbewohner 1910 gegründet hatten. Aus ihren Einnahmen wurde zwischen 1922 und den 1930er-Jahren das neoklassizistische Schulgebäude des Dorfes errichtet. Die Ölmühle arbeitete zugleich als Maismühle und blieb bis 1967 ein Gemeinschaftsbetrieb des Dorfes. Das Gebäude wurde 1984 restauriert und in ein Kulturzentrum umgewandelt; die Olivenlager wurden zu einem Gästehaus umgebaut.

Die aus den Einnahmen der Ölmühle errichtete Schule von Agia Paraskevi (2018). Foto: Chris Kar (CC BY-SA 4.0).
Die aus den Einnahmen der Ölmühle errichtete Schule von Agia Paraskevi (2018). Foto: Chris Kar (CC BY-SA 4.0).

Die bekannteste Tradition von Agia Paraskevi ist Ταύρος (Tavros), das Stierfest. In der Kirche Agios Charalambos auf dem Berg Tavros außerhalb des Dorfes wird ein mit Blumen geschmückter Stier vom Priester gesegnet und geopfert. Das Fest geht mit Pferderennen und Volkstänzen weiter. Den Quellen zufolge wird die Zeremonie in ihrer heutigen christlichen Form seit der Mitte des 18. Jahrhunderts abgehalten. Ähnliche Pferderennen finden auch bei den Sommerfesten in Kalloni und Plomari weiterhin statt.

Plomari, Polichnitos und Vrisa

Plomari ist die einzige größere Siedlung an der Südküste und nach Mytilini der einwohnerreichste Ort der Insel. 2021 lebten dort 2.756 Menschen. Der Name Plomari ist untrennbar mit Ouzo verbunden. Efstathios Varvayannis, der in Odessa Erfahrungen mit der Destillation gesammelt hatte, kam 1860 in den Ort und gründete seinen eigenen Betrieb. Der aus Plomari stammende Isidoros Arvanitis gründete 1894 ebenfalls ein Unternehmen, das heute in mehr als vierzig Länder exportiert. Neben Ouzo-Brennereien waren im Ort auch Seifensiedereien und Werften tätig.

Plomari und die Metropolitenkirche. Von Nikolaos Kurtidis (Nicourt) herausgegebene Postkarte, um 1935. Gemeinfrei.
Plomari und die Metropolitenkirche. Von Nikolaos Kurtidis (Nicourt) herausgegebene Postkarte, um 1935. Gemeinfrei.

Der Gemeindebezirk Polichnitos westlich von Plomari umfasst mit seinen 3.438 Einwohnern die südliche Ebene der Insel. Die Region ist für ihre heißen Quellen bekannt. Vrisa, eines ihrer Dörfer, wurde zum Zentrum der größten Naturkatastrophe in der jüngeren Geschichte der Insel. Bei dem Erdbeben der Stärke 6,3, das sich am 12. Juni 2017 im Meer südlich von Plomari ereignete, kam auf der Insel ein Mensch ums Leben; zehn wurden verletzt. Die größten Schäden entstanden in Vrisa. Etwa 80 Prozent der Gebäude im Dorf wurden schwer beschädigt. Der Großteil der Schäden betraf ältere Mauerwerksbauten aus runden Flusssteinen. Die meisten Dorfbewohner konnten nicht in ihre Häuser zurückkehren, und Vrisa blieb lange ein verlassenes Dorf.

Eresos, Sigri und Antissa

Der Westen der Insel unterscheidet sich deutlich vom Osten. Während der Osten grün und von Olivenhainen bedeckt ist, ist der Westen vulkanisch und kahl. Bäume, die vor etwa zwanzig Millionen Jahren durch vulkanische Aktivität verschüttet wurden, sind heute in einem weiten Gebiet zwischen Sigri (Sığrı), Eresos und Antissa in versteinerter Form erhalten. Das Naturkundemuseum in Sigri wurde 1994 gegründet. Es zählt zu den Gründungsmitgliedern des Europäischen Geopark-Netzwerks. Auch die UNESCO würdigte 2004 seinen Beitrag zum Schutz des versteinerten Waldes.

Ein versteinerter Baumstamm in der Nähe von Sigri (2009). Foto: C messier (CC BY-SA 4.0).
Ein versteinerter Baumstamm in der Nähe von Sigri (2009). Foto: C messier (CC BY-SA 4.0).

Auch die jüngere Geschichte von Sigri trägt die Spuren des Bevölkerungsaustauschs. Die Festung des Ortes wurde Mitte des 18. Jahrhunderts errichtet, um die Westküste vor Piraten zu schützen. 1923 verließen die türkischen Einwohner den Ort. An ihrer Stelle siedelten sich Flüchtlinge aus Tuzla, auf Griechisch Huhlia, aus Paşalimanı im Marmarameer, aus Bozcaada und aus Foça an. Diese Familien führten ihre Traditionen der Seefahrt und Fischerei fort. Die kleinen Handelsschiffe des Ortes verkehrten bis zum Zweiten Weltkrieg in der Ägäis. In den 1950er- und 1960er-Jahren wanderten Einwohner nach Athen, Australien, in die USA und nach Kanada aus. 2021 lebten in Sigri 402 Menschen.

Eresos im Süden ist dagegen mit zwei berühmten Namen verbunden. Die Dichterin Sappho soll hier um 620 v. Chr. geboren worden sein. Auch Theophrast, ein Schüler des Aristoteles, der als Begründer der Botanik gilt, stammte aus Eresos. Wegen Sapphos Gedichten leitet sich das Wort „lesbisch“ vom Namen der Insel ab. Das Küstendorf Skala Eresou ist seit den 1980er-Jahren ein beliebter Urlaubsort lesbischer Frauen. Jeden September findet dort ein Frauenfestival statt. Dies führte zeitweise auch zu Spannungen mit der örtlichen Bevölkerung. 2008 verklagten drei Inselbewohner einen homosexuellen Verein, weil er das Wort „lesbisch“ in seinem Namen verwendete. Das Gericht in Athen wies die Klage ab. Der 2024 veröffentlichte Dokumentarfilm „Lesvia“ der von Lesbos stammenden Regisseurin Tzeli Chatzidimitriou erzählt von dieser vierzigjährigen Beziehung.

Theofilos Chatzimichail, „Sappho, die Dichterin der Insel Lesbos, und der Kithara spielende Alkaios“ (1932). Gemeinfrei.
Theofilos Chatzimichail, „Sappho, die Dichterin der Insel Lesbos, und der Kithara spielende Alkaios“ (1932). Gemeinfrei.

Antissa zwischen Eresos und Sigri war in der Antike eine der fünf Städte der Insel. Der Sage nach wurden der abgeschlagene Kopf und die Leier des Orpheus an der Küste von Antissa angespült. Der Gemeindebezirk Eresos-Antissa gehört heute mit 4.259 Einwohnern zu den flächenmäßig größten und am dünnsten besiedelten Bezirken der Insel.

Migration und Inselbevölkerung

Die enge Verbindung von Lesbos mit der Migration begann schon vor 2015. Efstratios Dimou, der Priester der Kirche Agios Georgios in Kalloni, auf der Insel Papa Stratis genannt, begann 2007, Migranten, die im Norden der Insel ankamen, mit Lebensmitteln, Kleidung und Unterkünften zu versorgen. Aus dieser ehrenamtlichen Arbeit entstand 2009 ein Verein namens Αγκαλιά (Angalia), also „Umarmung“. Der Verein arbeitete mit Spenden der Inselbevölkerung und dem Einsatz Freiwilliger. Er unterstützte auch Inselbewohner, die von der Wirtschaftskrise betroffen waren. Papa Stratis lebte wegen einer Atemwegserkrankung seit Jahren mit einer Sauerstoffflasche. Er sagte, sie sähen in den Menschen, die an ihre Tür kämen, weder Rasse noch Nationalität oder Religion, sondern nur Menschen. Allein seit Mai 2015 half der Verein etwa 17.000 Personen. Das UN-Flüchtlingshilfswerk bezeichnete ihn als „barmherzigen Samariter“. Papa Stratis starb Anfang September 2015, auf dem Höhepunkt der Migrationswelle, im Alter von 57 Jahren. Angalia erhielt 2016 den Raoul-Wallenberg-Preis des Europarats.

2015 wurde die Insel zum wichtigsten Zugangstor für die nach Europa ziehenden Migranten. Die Fischer von Skala Sikamias holten Menschen aus dem Meer, und die älteren Frauen des Dorfes empfingen die ankommenden Familien am Ufer. Deshalb wurden die Bewohner von Lesbos 2016 für den Friedensnobelpreis nominiert. Auch Papst Franziskus besuchte am 16. April 2016 zusammen mit Patriarch Bartholomäus und dem Athener Erzbischof Hieronymos das Lager Moria. Auf dem Rückweg nahm er zwölf Menschen aus drei syrischen Familien nach Rom mit.

In Skala Sikamias angekommene syrische und irakische Asylsuchende und die Freiwilligen, die ihnen helfen (30. Oktober 2015). Foto: Ggia (CC BY-SA 4.0).
In Skala Sikamias angekommene syrische und irakische Asylsuchende und die Freiwilligen, die ihnen helfen (30. Oktober 2015). Foto: Ggia (CC BY-SA 4.0).

Die Lage auf der Insel änderte sich jedoch innerhalb kurzer Zeit. Nach der Vereinbarung zwischen der EU und der Türkei vom 18. März 2016 mussten die auf den Inseln ankommenden Asylsuchenden bis zur Entscheidung über ihre Anträge dort bleiben. Deshalb stieg die Bewohnerzahl des für etwa 3.000 Menschen ausgelegten Lagers Moria stetig an und näherte sich Anfang 2020 der Zahl von 20.000. Das Lager wuchs in den umliegenden Olivenhain hinein. Dieses notdürftig errichtete Gebiet wurde „Moria-Wald“ genannt. Quellen zufolge wurden dort etwa 5.000 Olivenbäume als Brennholz gefällt. Die Bewohner des Dorfes Moria beklagten zunehmende Diebstähle und Sachbeschädigungen. Der Koordinator von Ärzte ohne Grenzen auf der Insel bezeichnete das Lager 2018 als „das schlimmste Flüchtlingslager der Welt“.

Der äußere Zaun des Lagers Moria (Januar 2017). Foto: Cathsign (CC BY-SA 4.0).
Der äußere Zaun des Lagers Moria (Januar 2017). Foto: Cathsign (CC BY-SA 4.0).

Die Haltung der Inselbewohner verhärtete sich 2020 deutlich. Im Februar 2020 kam es wegen der Pläne für neue geschlossene Zentren zu Zusammenstößen mit der Polizei, und ein Generalstreik wurde ausgerufen. Nachdem die Türkei Ende Februar angekündigt hatte, Migranten nicht mehr aufzuhalten, versuchten am 1. März 2020 etwa hundert Menschen, ein Migrantenboot am Anlanden im Hafen von Thermi zu hindern. Journalisten, die die Ereignisse verfolgten, und ein Vertreter des UN-Flüchtlingshilfswerks wurden angegriffen. In denselben Tagen wurde ein provisorisches Aufnahmezentrum in Skala Sikamias in Brand gesetzt und ein Boot einer Nichtregierungsorganisation aus dem Hafen von Skala Loutron vertrieben. Die Staatsanwaltschaft beim griechischen Kassationsgerichtshof verlangte eine Untersuchung der Vorwürfe, wonach auch aus dem Ausland angereiste Neonazis an den Angriffen beteiligt gewesen seien. Wie viele Angreifer von der Insel stammten und wie viele von außen gekommene Rechtsextreme waren, ist jedoch umstritten.

Das Lager Moria brannte bei zwei Bränden in den Nächten des 8. und 9. September 2020 nahezu vollständig nieder. Wegen eines Coronavirus-Ausbruchs stand es unter Quarantäne. Bei den Bränden starb niemand. Mehr als 12.000 Menschen wurden jedoch obdachlos und schliefen tagelang auf den Straßen. Die Regierung erklärte, Lagerbewohner hätten die Feuer aus Protest gegen die Quarantäne gelegt. Im Juni 2021 verurteilte das Gericht auf Chios vier afghanische Asylsuchende wegen Brandstiftung zu jeweils zehn Jahren Haft. Zwei als minderjährig anerkannte Personen wurden gesondert vor Gericht gestellt und erhielten jeweils fünf Jahre Haft. Die Verteidiger machten geltend, dass auch drei der vier Angeklagten zum Tatzeitpunkt unter achtzehn Jahre alt gewesen seien und das Verfahren nicht fair gewesen sei. Eine bildgestützte Untersuchung der Forschungsgruppe Forensic Architecture brachte dagegen die Möglichkeit vor, dass der Brand von den improvisierten elektrischen Anlagen des Lagers ausgegangen sein könnte. Nach dem Feuer wurden die Asylsuchenden in ein provisorisches Lager auf einem Militärgelände in Kara Tepe gebracht. Papst Franziskus besuchte dieses Lager am 5. Dezember 2021 und bezeichnete die Vernachlässigung der Migranten als „Untergang der Zivilisation“.

Heute

Drei Themen bestimmen heute die Tagesordnung von Lesbos. Das erste ist die Migration. Das provisorische Lager, das als Ersatz für das 2020 niedergebrannte Moria in Kara Tepe, amtlich Mavrovouni, errichtet wurde, ist heute das einzige „geschlossene und kontrollierte“ Zentrum der Insel. Das geplante dauerhafte Zentrum in Vastria im Inselinneren war im September 2026 noch immer nicht eröffnet. Der Staatsrat hatte die Baugenehmigung wegen der fehlenden Umweltverträglichkeitsprüfung aufgehoben; die Regierung überarbeitete das Projekt und verlängerte die Frist bis März 2026. Örtliche juristische Organisationen forderten im April 2026 die vollständige Einstellung des Projekts. Ende März 2026 lebten etwa 650 Menschen in Mavrovouni. Durch Verlegungen auf das Festland sank ihre Zahl im April auf unter 500. Da sich die Migrationsroute nach Süden verlagerte, erreichten 2025 nur zehn Prozent der auf dem Seeweg nach Griechenland gekommenen Menschen Lesbos.

Der Zaun um das Lager Kara Tepe (2022). Foto: James O'Leary (CC BY-SA 4.0).
Der Zaun um das Lager Kara Tepe (2022). Foto: James O'Leary (CC BY-SA 4.0).

Das zweite Thema ist der Tourismus. Die Insel gleicht ihre Verluste nach 2015 weitgehend wieder aus. Nach Angaben des griechischen Tourismusministeriums stieg die Zahl der auf dem Luftweg auf die Insel gelangten Besucher in den ersten acht Monaten 2025 gegenüber dem Vorjahr um 6,3 Prozent. Besucher aus der Türkei hatten daran einen erheblichen Anteil. Bis Ende September 2025 erreichte ihre Zahl 100.000. Die örtliche Presse berichtet, dass dieser Andrang im Sommer 2026 im Hafen von Mytilini und auf den Straßen der Stadt zu Engpässen führte.

Das dritte und vielleicht schwerwiegendste Thema ist die Krise der Viehzucht. Der im März 2026 in Pelopi festgestellte Fall der Maul- und Klauenseuche markiert den ersten Ausbruch dieser Seuche in Griechenland seit fünfundzwanzig Jahren. Bis Anfang Mai wurden auf der Insel 75 Ausbruchsherde registriert. Bis Juni wurden von einem Schaf- und Ziegenbestand von etwa 480.000 Tieren mehr als 30.000 gekeult. Das Dorf Mesotopos im Westen gehört mit über zwanzig Seuchenherden und dem Verlust von mehr als 9.000 Tieren zu den am stärksten betroffenen Orten. Die Ausfuhr tierischer Erzeugnisse von der Insel wurde verboten. Mehr als 70.000 Lämmer und Zicklein, die vor Ostern für den Export bereitstanden, konnten nicht verkauft werden. Lesbos hatte 2025 etwa 52.000 Tonnen Schaf- und Ziegenmilch erzeugt und fünf bis sechs Prozent der griechischen Produktion von Weißkäse mit geografischer Herkunftsangabe geliefert. Forschende der Universität der Ägäis erklären, dass bei dem Ausbruch einige Zuchtlinien der einheimischen Schafrasse der Insel vollständig verloren gingen.

Ein Hirte mit seiner Herde auf Lesbos (2015). Foto: Chalki25 (CC BY-SA 4.0).
Ein Hirte mit seiner Herde auf Lesbos (2015). Foto: Chalki25 (CC BY-SA 4.0).

Olivenöl hat seine frühere Bedeutung für die traditionelle Wirtschaft der Insel längst verloren. Auf der Insel, die 1912 über 113 maschinell betriebene Ölmühlen verfügte, werden heute im Jahresdurchschnitt etwa 8.500 Tonnen Olivenöl erzeugt. Je nach Ernte schwankt die Produktion zwischen 3.000 und 12.000 Tonnen. Ein erheblicher Teil der schwer zugänglichen und wenig ertragreichen Olivenhaine wurde seit dem Ende des 20. Jahrhunderts aufgegeben oder wird nur noch in ertragreichen Jahren abgeerntet.

Fazit

Die Unterschiede innerhalb von Lesbos haben sich historisch entlang mehrerer Achsen herausgebildet. Die Ostküste, die Stadt Mytilini und ihre Umgebung bildeten das Zentrum von Handel, Industrie und Verwaltung. Im Süden zeichnete sich Plomari durch Ouzo und Seife aus, Agiasos und Mandamados dagegen durch ihre Wallfahrtsorte und die Viehzucht. Der Westen blieb mit seinen vulkanischen Böden, seiner dünnen Besiedlung und der Hirtenwirtschaft der ländlichste Teil der Insel. Die Teilung in die beiden Gemeinden Mytilini und West-Lesbos im Jahr 2019 hat diesen Unterschied auch verwaltungsmäßig festgeschrieben.

Das osmanische Erbe zeigt sich im Viertel Epano Skala von Mytilini und in Molyvos, der Bevölkerungsaustausch dagegen in der Bevölkerungsstruktur zahlreicher Dörfer von Sigri bis Skala Sikamias. Auch die linke politische Tradition von Mandamados, die Spaltung von Agiasos nach dem Bürgerkrieg und die Migrationswellen sind wichtige Bestandteile der jüngeren Inselgeschichte. In den kommenden Jahren werden das Schicksal des Zentrums von Vastria, der zunehmende Andrang von Touristen aus der Türkei und die Frage, ob sich die Viehzucht nach der Maul- und Klauenseuche erholen kann, die Tagesordnung der Insel bestimmen.