
Laut der griechischen Volkszählung von 2021 ist die Region Nördliche Ägäis mit 194.943 Einwohnern die bevölkerungsärmste Region des Landes. Zwischen 2011 und 2021 verlor sie 2,6 Prozent ihrer Bevölkerung. In vier ihrer fünf Inseleinheiten sank die Einwohnerzahl, nur auf Ikaria stieg sie. Ikaria verfügt weder über einen starken Tourismussektor noch über eine Industrie. Während die Insel in der jüngeren Geschichte als Verbannungsort bekannt war, wird sie heute eher mit dem langen Leben ihrer Bewohner in Verbindung gebracht.
Dieses Bild zeigt, wie unterschiedlich Inseln innerhalb derselben Verwaltungsregion funktionieren. Obwohl die Inseln der nördlichen Ägäis auf der Karte als eine einzige Gruppe erscheinen, unterscheiden sie sich in ihren Lebensgrundlagen, Eigentumsverhältnissen, Beziehungen zum Staat und ihrer jüngeren Geschichte. Dieser erste Beitrag einer Artikelreihe, in der ich die griechischen Inseln nach Inselgruppen behandeln werde, untersucht die Inseln der nördlichen Ägäis anhand dieser Unterschiede.
Verwaltungstechnisch besteht die Region aus fünf Einheiten: Lesbos, Limnos, Chios, Samos und Ikaria. Auch kleinere Inseln wie Agios Efstratios (Bozbaba), Psara, Inousses und Fourni gehören zu diesen Einheiten. Verwaltungssitz der Region ist die Stadt Mytilini. Thasos und Samothraki liegen zwar geografisch im selben Meer, werden in diesem Artikel jedoch nicht behandelt, da sie zur Region Ostmakedonien und Thrakien gehören.

Lesbos
Lesbos blieb bis 1912 unter osmanischer Verwaltung. Die Wirtschaft der Insel beruhte auf Oliven; Olivenöl und Seife waren die wichtigsten Exportprodukte. Nach der Aufhebung des Ölhandelsmonopols des Gouverneurs vergrößerten Unternehmer aus der christlichen Untertanenschaft des Osmanischen Reiches ihre Olivenhaine und mechanisierten die Ölproduktion. Ab den 1880er-Jahren industrialisierte sich die Insel rasch. Die Möglichkeit, Maschinen aus Europa zollfrei einzuführen, beschleunigte diesen Prozess. 1912 gab es auf der Insel 113 mechanisierte Ölmühlen, 6 Fabriken zur Ölgewinnung aus Oliventrester und 14 Seifensiedereien. Die Erzeugnisse wurden an die anatolischen Küsten, auf die Ägäischen Inseln und in die Schwarzmeerhäfen verkauft.
Ein bemerkenswertes Beispiel innerhalb dieser Industrie ist die Ölmühle im Dorf Agia Paraskevi. Die Dorfbewohner gründeten 1910 eine gemeinschaftliche Ölmühle und beschlossen, ihre Gewinne für Bildungs- und Sozialaufgaben des Dorfes einzusetzen. Die Mühle erhielt den Namen „του Κοινού η Μηχανή“ (tu Kinu i Mihani). Das Wort „kinó“ bezeichnet hier die Dorfgemeinschaft. Der Name lässt sich im Türkischen ungefähr mit „Köyün Makinesi“, also „Die Maschine des Dorfes“, wiedergeben. Die Ölmühle nahm 1911 den Betrieb auf und arbeitete etwa 55 Jahre ohne Unterbrechung. Als die Militärjunta 1967 die meisten Mitglieder des Dorfrats verhaftete, schloss auch die Ölmühle. Das Gebäude dient heute als Museum der industriellen Olivenölproduktion auf Lesbos. Dieses Beispiel zeigt, dass der Besitz von Maschinen auf der Insel eine eigenständige Machtquelle war und die Dorfbewohner versuchten, diese Macht durch gemeinschaftliches Eigentum zu erlangen.

1922 war für Lesbos ein zweiter großer Einschnitt. In diesem Jahr kamen etwa 47.000 Flüchtlinge auf die Insel, die meisten von ihnen waren in offenen Booten aus der Gegend um İzmir, Bergama und Ayvalık geflohen. Durch den Bevölkerungsaustausch von 1923 stieg diese Zahl weiter. Auch die Ankommenden waren griechischsprachige orthodoxe Christen. Dennoch behandelte die Inselbevölkerung sie nicht besonders gut. Im Griechischen wird diese Unterscheidung mit den Wörtern ντόπιος (dopios) für Einheimischer und πρόσφυγας (prosfigas) für Flüchtling ausgedrückt. Schätzungen zufolge stammt heute mehr als die Hälfte der Inselbevölkerung von den Flüchtlingen des Jahres 1922 ab. Derselbe Einschnitt wirkte sich auch auf den Handel der Insel aus. Mit dem Verlust des anatolischen Marktes schlossen einige Ölmühlen, und Geschäftsleute aus Lesbos wandten sich Piräus und Kreta zu.
Das Kaffeehaus (καφενείο, kafenio) nimmt in der alltäglichen gesellschaftlichen Ordnung der Insel einen besonderen Platz ein. Im Dorf ist es die Domäne der Männer. Der Anthropologe Evthymios Papataxiarchis untersuchte während seiner Feldforschung zwischen 1979 und 1981 in einem Dorf im Norden der Insel die Freundschaften, die Männer im Kaffeehaus schlossen. Er stellte fest, dass diese Freundschaften von Verwandtschaft und Interessenbeziehungen getrennt gehalten wurden, und beschrieb sie als „Herzensfreundschaften“. Im selben Dorf schlossen Frauen außerhalb der Familie keine solchen Freundschaften. In Ethnografien griechischer Dörfer wird der Bereich der Frauen üblicherweise mit Haus, Nachbarschaft und Kirche beschrieben. In dieser Hinsicht ist die 1983 im Dorf Petra gegründete Frauenkooperative von Bedeutung. Diese erste Kooperative für Agrotourismus in Griechenland wurde von den Frauen des Dorfes geleitet; die Gäste wurden in den Dorfhäusern untergebracht.
Auf Lesbos treten heute zwei neue Bevölkerungsgruppen hervor. Die erste sind die Studierenden. Die 1984 gegründete Universität der Ägäis (Πανεπιστήμιο Αιγαίου) hat ihren Sitz in der Stadt Mytilini. Diese Universität, die nicht mit der Ege-Universität in İzmir verwechselt werden sollte, hat ihre Fachbereiche auf Chios, Samos, Limnos, Rhodos und Syros verteilt. 2019 hatte sie etwa 10.000 Studierende. Durch diese Struktur kommen regelmäßig jedes Jahr junge Menschen auf die Inseln, deren Bevölkerung im Winter abnimmt.
Die zweite Gruppe sind Asylsuchende. Lesbos wurde 2015 zum wichtigsten Zugangspunkt der nach Europa gerichteten Migrationswelle. Laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen landete mehr als die Hälfte der 660.000 Menschen, die bis Mitte November jenes Jahres auf dem Seeweg nach Griechenland gelangten, auf Lesbos. Allein das Fischerdorf Skala Sykamias mit seinen 150 Einwohnern im Norden der Insel nahm mehr als 200.000 Menschen in Empfang. Das Verhalten der Inselbewohner in dieser Zeit war 2016 Gegenstand einer Nominierung für den Friedensnobelpreis.

Diese Solidarität hielt jedoch nicht lange an. Der Beschluss der Regierung vom Februar 2020, auf den Inseln neue geschlossene Zentren einzurichten, stieß auf heftigen Widerstand. Auf Lesbos versuchten Hunderte Menschen, die Entladung von Baumaschinen auf der Insel zu verhindern, und es kam zu Zusammenstößen mit der Polizei. Auf Lesbos, Chios und Samos wurde ein Generalstreik ausgerufen. Im September desselben Jahres brannte das Lager Moria ab, in dem mit mehr als 12.000 Menschen das Vierfache seiner Kapazität erreicht worden war. Als Ersatz wurde in Mavrovouni ein provisorisches Lager eingerichtet, während das in Vastria geplante dauerhafte Zentrum lange umstritten blieb. Papataxiarchis gab seiner Untersuchung dieses Prozesses den Titel „Geçici Bir Vatanseverlik“ („Ein vorübergehender Patriotismus“).
Die Migrationskrise wirkte sich auch auf den Tourismus aus. Die Zahl der Charterflüge zur Insel sank von 2015 auf 2016 um 60 bis 70 Prozent, und die Zahl der Kreuzfahrtschiffe ging von 53 im Jahr 2015 auf eines im Jahr 2017 zurück. Die Migrationsroute hat sich in den letzten Jahren allerdings nach Süden verlagert. 2025 erreichten 47 Prozent der auf dem Seeweg nach Griechenland kommenden Menschen Kreta, während der Anteil von Lesbos bei 10 Prozent blieb.

Chios
Die grundlegende Trennlinie, die die Gesellschaft von Chios prägt, verläuft zwischen Norden und Süden. Der Mastixbaum liefert sein Harz nur im Süden der Insel. Deshalb werden die 24 Dörfer im Süden als Μαστιχοχώρια (Mastihohoria), also „Mastixdörfer“, bezeichnet. Pyrgi, Mesta und Olympi sind die bekanntesten von ihnen. Zum Schutz vor Piratenangriffen wurden die Dörfer wie Festungen angelegt, wobei die Häuser in der äußeren Reihe die Dorfmauer bildeten.
Der Reichtum der Insel hängt seit Jahrhunderten von diesem Harz ab. Die Genuesen, die die Insel 1346 eroberten, verwalteten sie über eine Gesellschaft namens Maona und monopolisierten den Mastixhandel. Diese Ordnung bestand bis 1566. Auch in osmanischer Zeit galt Mastix als wertvolles Erzeugnis, durch das die Insel wichtige Privilegien erhielt. Allerdings konnten die Erzeuger ihren Mastix bis 1840 nicht frei verkaufen. Wie scharf die Trennung zwischen Norden und Süden war, zeigte sich 1822. Bei der gewaltsamen Niederschlagung des Aufstands auf der Insel erlitten die Menschen im Norden schwere Verluste, während die Bewohner der Mastixdörfer unter die Begnadigung des Sultans fielen.
Die heutige Wirtschaftsordnung des Südens beruht auf einer genossenschaftlichen Struktur. Die 1938 gegründete Vereinigung der Mastixproduzenten von Chios ist die Dachorganisation von 20 Genossenschaften in 24 Dörfern und wickelt den Verkauf von Mastix in Griechenland und im Ausland zentral ab. 2014 nahm die UNESCO das Wissen um den Mastixanbau auf Chios in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf. Das Mastixmuseum in Pyrgi wurde 2016 eröffnet.

Im Norden der Insel ist dagegen die Schifffahrt bestimmend. Das Dorf Kardamyla und die gegenüberliegenden Inousses-Inseln sind die Herkunftsorte der traditionsreichsten Familien der griechischen Reedereiwirtschaft. Die Familie Livanos stammt aus Kardamyla, die Familien Lemos und Pateras kommen aus Inousses. Laut der Branchenpublikation TradeWinds führen griechische Reeder, die etwa ein Zehntel der Welthandelsflotte verwalten, ihre Herkunft auf Chios und Inousses zurück. Die meisten dieser Familien verbringen nicht den Großteil des Jahres auf der Insel. Diese Region ist auch eine der gesellschaftlichen Wurzeln des Reederkapitals, das ich zuvor in dem Artikel „Yunan Basını ve Diaploki Çarkı“ („Die griechische Presse und das Diaploki-Räderwerk“) behandelt habe.
Das zwischen den beiden Gebieten gelegene Kampos steht für den alten Kaufmannsreichtum der Insel. In dieser Ebene südlich der Stadt befinden sich Herrenhäuser und Zitrusgärten, die von hohen Steinmauern umgeben sind. Die ersten Herrenhäuser entstanden in genuesischer Zeit; unter den Osmanen ließen sich hier auch Kaufmanns- und Seefahrerfamilien der Insel Häuser errichten.

Das zu Chios gehörende Psara stellte 1821 eine der drei großen Flotten des griechischen Aufstands und wurde 1824 bei einem Angriff der osmanischen Marine weitgehend zerstört. Bei der Volkszählung von 2021 hatte die Insel 420 Einwohner.
Heute stehen auf Chios vor allem Waldbrände im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Laut NASA verbrannte das Feuer von 2012 mehr als die Hälfte der Mastixbäume und führte auf dem Weltmarkt zu einem Mangel an Mastix. Die im Juni 2025 verbrannte Fläche liegt je nach Quelle zwischen 2.000 und 6.500 Hektar. Bei diesen Bränden konnte der Großteil der Mastixgärten gerettet werden, doch Dörfer wie Lithi erlitten Schäden. In einer Wirtschaft, die von einer einzigen Baumart abhängt, sind Brände unmittelbar eine Frage des Lebensunterhalts.
Samos
Samos nahm im 19. Jahrhundert eine andere Entwicklung als der Rest der Region. Von 1834 bis 1912 besaß die Insel unter dem Namen Fürstentum Samos (Ηγεμονία της Σάμου) eine autonome Verwaltung. Das Fürstentum entrichtete jährlich eine Steuer an die osmanische Staatskasse und führte eine eigene Flagge. Die Insel wurde von einem griechisch-orthodoxen Fürsten regiert, den die Hohe Pforte ernannte. Sie hatte auch eine eigene Versammlung.
Die Autonomie prägte auch die Innenpolitik der Insel. Diese spielte sich zwischen den Karmanioloi, die die Tradition des Aufstands fortführten, und den dem Fürsten nahestehenden Kallikantzaroi ab. Der Name der zweiten Gruppe stammt von den Dämonen des griechischen Volksglaubens. Der erste Fürst, Stefanos Vogoridis, stützte seine Herrschaft auf diese Gruppe, erhob hohe Steuern auf landwirtschaftliche Erzeugnisse und wurde 1849 abgesetzt.

Die nachhaltige Wirkung des Fürstentums zeigt sich in der Wirtschaft. Privilegien wie die Zollbefreiung ermöglichten die Entwicklung der Industrie auf der Insel. Ende des 19. Jahrhunderts entstand in Vathy eine Tabakindustrie, während in Karlovasi Gerbereien gegründet wurden. Zwischen 1880 und 1930 gab es in Karlovasi mehr als 50 Gerbereien und 300 Arbeiter. 1908 hatten die Gerbereiarbeiter ihre eigene Gewerkschaft. Die kleinen Gerbereien konnten jedoch nicht mit der Großindustrie konkurrieren und schlossen im Laufe des 20. Jahrhunderts. Eine ehemalige Gerberei dient heute als einziges Gerbereimuseum Griechenlands. Karlovasi beherbergt mittlerweile auch Fachbereiche der Universität der Ägäis.
Ein weiterer Pfeiler der Wirtschaft von Samos ist der Wein. 1934 schlossen sich die 26 örtlichen Genossenschaften der Insel zur Vereinigung der Winzergenossenschaften von Samos zusammen. Die Vereinigung vertrat alle Weinbauern der Insel und sollte die Erzeuger gegenüber den Händlern schützen. Viele Jahre lang verarbeitete und verkaufte sie den Wein der Insel zentral. Ein großer Teil des Muskatweins von Samos wird auch heute exportiert.
In dieser Hinsicht nahmen Chios und Samos eine ähnliche Entwicklung. Auf beiden Inseln wurde die Wirtschaft rund um das Haupterzeugnis durch Genossenschaften organisiert, die in den 1930er-Jahren gegründet wurden und den Verkauf bündelten. Auf Lesbos blieb die Olivenölproduktion dagegen überwiegend in den Händen privater Ölmühlen und Händler, während das gemeinschaftliche Modell in Dörfern wie Agia Paraskevi erprobt wurde.
Auch auf Samos spielt die Migration heute eine wichtige Rolle. Das erste mit Mitteln der Europäischen Union errichtete „geschlossene und kontrollierte“ Zentrum wurde im September 2021 im Gebiet Zervou auf Samos eröffnet. Das Zentrum für 3.000 Menschen ist von zwei Reihen Stacheldraht umgeben. 2025 gelangten 12 Prozent der auf dem Seeweg nach Griechenland kommenden Menschen nach Samos.
Ikaria
Die jüngere Geschichte Ikarias wurde stärker von der Politik als von der Wirtschaft bestimmt. Am 17. Juli 1912 vertrieben die Inselbewohner die kleine osmanische Garnison und riefen den Freistaat Ikaria aus. Dieses unter der Führung des Arztes Yannis Malachias stehende Staatswesen gab eigene Briefmarken heraus und nahm eine eigene Hymne an. Nach fünf Monaten mit Schwierigkeiten bei der Nahrungsmittelversorgung und im Verkehr schloss sich die Insel am 4. November 1912 Griechenland an.
In den Jahren des Bürgerkriegs wurde Ikaria zu einem Verbannungsort. Je nach Quelle wurden zwischen 13.000 und 15.000 linke Verbannte auf die Insel geschickt. Manche Quellen geben an, dass diese Zahl fast dem Doppelten der damaligen Inselbevölkerung entsprach. Auf Ikaria wurde kein Lager eingerichtet; die Verbannten wurden in leerstehenden Dorfhäusern untergebracht. Aus dieser Zeit stammt der Beiname „Roter Felsen“ (Κόκκινος Βράχος, Kokinos Vrahos).
Diese Vergangenheit lässt sich auch in der heutigen Politik erkennen. Die Kommunistische Partei Griechenlands (KKE) erhielt bei den Wahlen im Juni 2023 landesweit 7,7 Prozent der Stimmen, wurde auf Ikaria jedoch mit 35,86 Prozent stärkste Partei. Bei den Kommunalwahlen desselben Jahres gewann sie auch das Bürgermeisteramt der Insel.
Ein weiteres Merkmal Ikarias ist die Langlebigkeit ihrer Bewohner. An der 2009 durchgeführten Ikaria-Studie nahmen 1.420 Inselbewohner über 30 Jahre teil; dabei zeigte sich, dass 13 Prozent der Teilnehmenden älter als 80 Jahre waren. Die Forschenden stellten fest, dass die große Mehrheit dieser älteren Menschen täglich körperlich arbeitete, Mittagsschlaf hielt und häufig zusammenkam. Die Depressionsrate erwies sich als äußerst niedrig.
Im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens auf der Insel stehen die Dorffeste, πανηγύρι (panigiri). Diese Feste finden den ganzen Sommer über von Dorf zu Dorf statt und dauern oft die ganze Nacht. Ihre Einnahmen wurden traditionell für die Straßen, die Wasserversorgung und den Platz des Dorfes verwendet. So dienten die Feste ähnlich wie die gemeinschaftliche Ölmühle in Agia Paraskevi dazu, gemeinsame Bedürfnisse des Dorfes zu decken.

Die Einwohnerzahl der Regionaleinheit Ikaria stieg zwischen 2011 und 2021 von 9.882 auf 10.189. Diese Einheit, die auch die Fourni-Inseln umfasst, ist die einzige Inseleinheit der nördlichen Ägäis mit wachsender Bevölkerung. Die Gründe für diesen Anstieg verdienen eine gesonderte Untersuchung.
Limnos und Agios Efstratios
In der modernen Geschichte von Limnos spielt der Hafen von Moudros eine entscheidende Rolle. Die Insel liegt weniger als hundert Kilometer von der Halbinsel Gallipoli entfernt und verfügt über eine Bucht, die eine große Flotte aufnehmen kann. Die Ententemächte richteten hier 1915 ihre vorgeschobenen Stützpunkte für die Kämpfe um die Dardanellen ein. Zehntausende Soldaten kamen aus Australien, Neuseeland, England, Frankreich, Indien und Ägypten auf die Insel. Am Abend des 24. April 1915 liefen etwa 200 Schiffe von Moudros zur Landung aus. Auch Verwundete wurden nach Limnos gebracht. Von den 347 Soldaten, die auf dem Friedhof in Portianou ruhen, sind 50 Australier. Der Waffenstillstand von Moudros, der den Ersten Weltkrieg für das Osmanische Reich beendete, wurde am 30. Oktober 1918 ebenfalls in diesem Hafen unterzeichnet, an Bord des Schlachtschiffs HMS Agamemnon.

Agios Efstratios südlich von Limnos diente dagegen lange als Verbannungsort. Von Ende der 1920er- bis Anfang der 1960er-Jahre wurden politische Verbannte auf der Insel untergebracht, später erneut während der Junta. Zeitweise überstieg ihre Zahl das Doppelte der Inselbevölkerung. Auch der Dichter Yannis Ritsos und der Komponist Mikis Theodorakis gehörten zu den hierher Verbannten. Das schwere Erdbeben von 1968 zerstörte fast das gesamte Dorf. An seiner Stelle wurden vorgefertigte Betonhäuser gebaut, die wie in einem Militärlager in Reihen angeordnet waren.
In den letzten Jahren gerät Agios Efstratios aus einem anderen Grund in den Blick. Laut im Oktober 2026 veröffentlichten Berichten deckt die Insel 91 Prozent ihres Strombedarfs aus erneuerbaren Quellen. Auf ihrem höchsten Punkt wurde eine Windkraftanlage mit 900 Kilowatt errichtet, ergänzt durch eine Solaranlage und ein Speichersystem. Die Europäische Union finanzierte 85 Prozent des 7,23 Millionen Euro teuren Projekts. Heute leben etwa 250 Menschen auf der Insel.

Fazit
Die traditionelle Ordnung der Inseln der nördlichen Ägäis beruhte auf drei Elementen. Das erste war das Haupterzeugnis der jeweiligen Insel: Olivenöl auf Lesbos, Mastix auf Chios sowie Wein und Leder auf Samos. Das zweite war die Schifffahrt. Vor allem im Norden von Chios war das Meer die Quelle großer Familienvermögen. Das dritte war die Beziehung zum Zentralstaat. Der Staat schickte zu unterschiedlichen Zeiten Steuern, Soldaten und Verbannte auf die Inseln.
Heute verändert sich diese Ordnung. Die Haupterzeugnisse bestehen fort, tragen die Wirtschaft der Inseln aber nicht allein. Die Mastix- und Weingenossenschaften sind weiterhin tätig, während aus der gemeinschaftlichen Ölmühle von Agia Paraskevi ein Museum geworden ist. Mittlerweile kommen jedes Jahr Studierende, Touristen und Asylsuchende auf die Inseln. Obwohl sich keine dieser Gruppen dauerhaft auf der Insel niederlässt, beeinflussen sie deren Wirtschaft und Alltag erheblich. Die Gesamtbevölkerung der Region nimmt hingegen weiter ab.
Die Inseln der nördlichen Ägäis sind nicht so stark vom Tourismus abhängig wie die Kykladen. Oliven, Mastix und Wein bleiben wichtige Lebensgrundlagen. Zugleich sind dieselben Inseln im vergangenen Jahrzehnt zu einem der sichtbarsten Schauplätze der europäischen Migrationspolitik geworden. Die Solidarität der Inselbewohner im Jahr 2015 und ihre Proteste von 2020 scheinen auf den ersten Blick widersprüchlich. Beide Reaktionen lassen sich jedoch im Zusammenhang mit dem Wunsch der Inselbewohner lesen, bei den aus der Ferne getroffenen Entscheidungen über ihre Inseln mitzubestimmen. Die Zukunft der Region wird in hohem Maße davon abhängen, wie viele Menschen im Winter auf den Inseln bleiben.