
Am 23. Mai 2024 unterzeichneten die Islamische Republik Iran und die Demokratische Bundesrepublik Äthiopien eine Absichtserklärung über die Zusammenarbeit im Sicherheitsbereich. Das in Teheran zwischen dem Kommandeur der iranischen Ordnungskräfte, Ahmad Reza Radan, und dem Generaldirektor der äthiopischen Polizei, Demelash Gebremichael, unterzeichnete Dokument sieht eine institutionelle Partnerschaft zwischen den Strafverfolgungsbehörden beider Länder in Bereichen wie der Bekämpfung grenzüberschreitender Kriminalität, Ausbildung, technischer Zusammenarbeit und Informationsaustausch vor. Obwohl das Abkommen der Öffentlichkeit als schlichter technischer Text präsentiert wurde, dürfen seine Hintergründe und seine strategische Bedeutung nicht außer Acht gelassen werden.
Seit der Revolution von 1979 prägen ideologische und strategische Orientierungen Irans Afrikapolitik. Mit Formeln wie „Solidarität mit den Unterdrückten“ und „Widerstand gegen den Imperialismus“ versuchte Teheran, auf dem Kontinent eine symbolische Einflusssphäre zu schaffen. Mit der Zeit führte dieser ideologische Ansatz jedoch zu Spannungen mit vielen afrikanischen Ländern und sogar zum Abbruch von Beziehungen.
In den vergangenen Jahren bietet Iran Ländern mit Sicherheitsproblemen eine Zusammenarbeit etwa beim Verkauf unbemannter Luftfahrzeuge und der Ausbildung von Sicherheitspersonal an. Durch diese Hilfen stärkt es seine Politik der Einflussnahme. Beispielsweise wurde im Mai 2025 beim Besuch des Kommandeurs der iranischen Ordnungskräfte in Niger eine Absichtserklärung zu Sicherheit und Ausbildung zwischen beiden Ländern unterzeichnet. Sie umfasst auch die Ausbildung nigrischer Polizisten und Nationalgardisten an der iranischen Polizeihochschule. Ähnlich dem Abkommen mit Äthiopien enthält diese Vereinbarung Bestimmungen zur Bekämpfung grenzüberschreitender Kriminalität, zum Austausch von Geheimdienstinformationen und zum Ausbau der Sicherheitskapazitäten.
Im selben Jahr wurden auch mit Burkina Faso Gespräche über eine Sicherheitskooperation geführt. Frühere Beispiele zeigen jedoch, dass Iran solche Annäherungen im Laufe der Zeit nutzt, um seinen ideologischen Einfluss zu verbreiten. So entstanden in den 1990er-Jahren Kooperationen mit Sudan, die militärische Ausbildung, Waffenlieferungen und den Austausch von Geheimdienstinformationen umfassten. Wegen Irans ideologischer Aktivitäten im Land brach Sudan 2015 jedoch die Beziehungen ab und schloss zahlreiche iranische Einrichtungen.
Äthiopiens strategische Position und außenpolitisches Gleichgewicht
Äthiopien gehört aufgrund seiner geografischen Lage und seines diplomatischen Gewichts zu den wichtigsten Ländern Afrikas. Addis Abeba, der Sitz der Afrikanischen Union, spielt nicht nur bei Entscheidungsprozessen auf dem Kontinent, sondern auch im Kräfteverhältnis im Becken des Roten Meeres und in Ostafrika eine maßgebliche Rolle. Das Land zeichnet sich durch seine Bevölkerung, sein wirtschaftliches Potenzial und seine militärischen Fähigkeiten aus und bemüht sich seit Langem, sich sowohl regional als auch auf dem gesamten Kontinent als Führungsmacht zu positionieren.
Auf Äthiopiens außenpolitischer Agenda nehmen die Auseinandersetzungen mit Ägypten um den Nil, die Sicherheitsreformen nach dem 2020 ausgebrochenen Bürgerkrieg in Tigray und die zeitweiligen Spannungen mit Somalia einen wichtigen Platz ein. Diese strategische Bedeutung hat Äthiopien für globale und regionale Akteure, die in Afrika Einfluss ausüben wollen, zu einem unverzichtbaren Partner gemacht. Von Chinas Investitionsprojekten über die Hafen- und Militärstützpunktstrategien Israels und der Golfstaaten bis zu den diplomatischen und humanitären Initiativen der Türkei und der entwicklungspolitischen Ausrichtung westlicher Länder bauen zahlreiche Machtzentren vielseitige Beziehungen zu Addis Abeba auf. Diese Vielfalt spiegelt das Streben nach „Gleichgewicht“ als Grundausrichtung der äthiopischen Außenpolitik wider.
Auch die mit Iran unterzeichnete Sicherheitsvereinbarung ist in diesem Rahmen zu bewerten. Sie sollte als Beispiel für Äthiopiens Politik verstanden werden, Kontakte zu verschiedenen Akteuren zu pflegen, ohne von einer einzigen Seite abhängig zu werden. Ob Äthiopien dieses Gleichgewicht aufrechterhalten kann, hängt jedoch davon ab, dass es den Umfang seiner Beziehungen zu jedem Land sorgfältig bestimmt.
Was bedeutet die Vereinbarung für Iran?
Für Iran gehören die Länder am Horn von Afrika seit Langem zu seinen strategischen Zielen. Da Teheran in der Region nicht das gewünschte Maß an Einfluss aufbauen konnte, wandte es sich engeren, wenn auch begrenzten Beziehungen zu Ländern im Umfeld des Horns oder zu bestimmten dort aktiven Gruppen zu. Iran, dessen Beziehungen zu Äthiopien historisch schwankend und distanziert waren, ist mit diesem Abkommen erstmals seit langer Zeit von einer Politik indirekter Einflussnahme zu einem direkten, offiziellen und institutionellen Kooperationsmodell übergegangen. Diese Entwicklung lässt sich als Versuch Irans verstehen, seine Sichtbarkeit und Legitimität sowohl in Afrika als auch in der internationalen Öffentlichkeit zu erhöhen. Insbesondere für die durch Sanktionen vom globalen System ausgeschlossene Führung in Teheran ist Afrikapolitik inzwischen nicht mehr nur symbolisch wichtig, sondern auch wirtschaftlich und strategisch zur Notwendigkeit geworden.
Die Vereinbarung umfasst auch Irans Ziel, Erzeugnisse seiner Verteidigungsindustrie auf den afrikanischen Markt zu bringen. Iran, das in den vergangenen Jahren insbesondere mit seinen an Russland gelieferten Drohnen Aufmerksamkeit erregt hat, möchte diese Technologien auch in Afrika vermarkten. So wurden bei offiziellen Besuchen in Kenia, Uganda und Simbabwe 2023 verschiedene Kooperationsabkommen in dieser Richtung unterzeichnet und die Einrichtung von „Innovations- und Technologiehäusern“ angekündigt. Auch das Sicherheitsabkommen mit Äthiopien könnte diese technologische Zusammenarbeit auf eine offizielle Grundlage stellen.
Darüber hinaus hat die Vereinbarung Iran die Möglichkeit eröffnet, die strategische Verbindung vom Jemen nach Ostafrika zu vertiefen. Iran bemüht sich seit Langem um enge Beziehungen zu Ländern rund um das Horn von Afrika. Obwohl es dort eine gewisse Präsenz aufgebaut hat, konnte es das angestrebte Maß an Einfluss bisher nicht erreichen. Insbesondere Kooperationen mit Ländern auf der gegenüberliegenden Seite der Meerenge Bab al-Mandab, dem Eingang zum Roten Meer, sind für Irans militärische und logistische Strategie von entscheidender Bedeutung. Aus all diesen Gründen betrachtet Teheran die Zusammenarbeit mit Addis Abeba nicht nur als bilaterales Abkommen, sondern auch als Teil einer strategischen Öffnung auf kontinentaler und globaler Ebene.
Was will Äthiopien gewinnen?
Aus äthiopischer Sicht könnte die Sicherheitszusammenarbeit mit Iran sowohl dem Schließen von Lücken in der inneren Sicherheit als auch der Aufrechterhaltung strategischer Vielfalt in der Außenpolitik dienen. Die Führung in Addis Abeba, deren föderale Sicherheitsstruktur nach dem Tigray-Krieg erhebliche Schwächen aufwies, sucht für ihr neu organisiertes Sicherheitssystem Unterstützung von außen. In diesem Rahmen könnte die Zusammenarbeit mit Iran, das über Verteidigungstechnologien und nachrichtendienstliche Fähigkeiten verfügt, für den Kapazitätsaufbau und fachliche Unterstützung nützlich erscheinen. Ausbildung, technische Ausstattung, Ausrüstung und Hilfe bei der Bekämpfung grenzüberschreitender Kriminalität aus Iran könnten bestehende Bedürfnisse abdecken.
Darüber hinaus betrachtet Äthiopien diese Zusammenarbeit neben dem Sicherheitsbereich auch als diplomatisches Instrument, um Handlungsspielraum zu gewinnen. Angesichts der vielseitigen Beziehungen zu den Golfstaaten, westlichen Ländern, China und der Türkei lässt sich der Kontakt zu Iran als Versuch Addis Abebas verstehen, seine diplomatische Autonomie zu erhöhen. Solche Verbindungen erlauben Äthiopien, zwischen unterschiedlichen Akteuren ein Gleichgewicht herzustellen, seine Verhandlungsmacht zu steigern und seinen diplomatischen Einfluss auf dem Kontinent zu festigen. Angesichts der früheren Erfahrungen mit Iran in anderen Ländern muss Äthiopien diese Zusammenarbeit jedoch vorsichtig und in einem begrenzten Rahmen führen. Hervorzuheben ist, dass die Führung in Addis Abeba mit ihren ausgeprägten institutionellen Reaktionsmechanismen in der Lage ist, die Grenzen der Beziehungen festzulegen.
Wie wirkt sich die Vereinbarung vor Ort aus?
Obwohl die zwischen Iran und Äthiopien unterzeichnete Sicherheitsvereinbarung derzeit auf einen diplomatischen Rahmen begrenzt erscheint, hat die praktische Umsetzung ähnlicher Abkommen in der Vergangenheit anhand zahlreicher umstrittener Beispiele für Diskussionen gesorgt. Iran neigt dazu, solche Dokumente in Afrika nicht nur als offizielle Kooperationen, sondern zugleich als Instrument zur Stärkung seines Einflusses vor Ort zu nutzen. Die Versuche einer organisatorischen Verankerung durch militärische Ausbildungsprogramme und religiöse Stiftungen in Sudan, Aktivitäten zur Verbreitung der Schia in Mauretanien und die Zakzaky-Strukturen in Nigeria spiegeln unterschiedliche Formen dieses Ansatzes wider. Diese Prozesse beginnen häufig mit humanitärer Hilfe oder kulturellen Aktivitäten und können sich mit der Zeit bis zu nachrichtendienstlicher Informationsgewinnung, ideologischer Einflussnahme und sogar Schmuggel erstrecken.
Auch Äthiopien hat bereits eine solche Erfahrung gemacht. Im Jahr 2021 wurde in Addis Abeba eine mit Iran verbundene Geheimdienstzelle aufgedeckt, der vorgeworfen wurde, die Botschaft der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) ins Visier genommen zu haben. Dieser Vorfall zeigte, dass Iran nicht nur über offene Kanäle, sondern auch mit verdeckten Mitteln Einfluss zu gewinnen versucht.
Die heute unterzeichnete Vereinbarung deutet trotz dieser früheren Erfahrungen darauf hin, dass die Beziehungen beider Länder in eine neue Phase eingetreten sind. Dennoch bleibt die Frage wichtig, welche praktischen Folgen dieses Abkommen haben wird. Angesichts früherer iranischer Praktiken ist es wahrscheinlich, dass solche Kooperationen sich mit der Zeit auch auf Bereiche wie Ausbildung, Technologie und Sicherheitsberatung ausdehnen. Äthiopiens starke Institutionen und seine vielseitigen Außenbeziehungen bilden jedoch ein wichtiges Gegengewicht, das eine einseitige Entwicklung zugunsten Irans erschweren könnte.
Dieser Artikel erschien erstmals am 26. Mai 2025 bei İRAM.
