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Warum sollte die Afrikapolitik des Iran aufmerksam verfolgt werden?

Oral Toğa6. Oktober 20233 Min. Lesezeit

Die Beziehungen des Iran zu Afrika bestehen zwar seit den ersten Jahren nach der Revolution kontinuierlich fort, sind aber in den vergangenen zwei Jahren noch deutlicher hervorgetreten. Obwohl der Iran seine Politik auf eine antiwestliche Rhetorik und Solidarität gründet, ist Realpolitik für seine Afrikapolitik ebenso bestimmend wie ideologische Ansätze. Denn der Iran verfolgt zahlreiche Ziele: die vom Westen betriebene Isolation zu überwinden, westlichen Einfluss zu brechen, Zugang zu Uran zu erhalten, seine Wirtschaft zu stärken und bei den Vereinten Nationen mehr Stimmen zu seinen Gunsten zu gewinnen.

DIE LÄNDER DES KONTINENTS SIND BEUNRUHIGT

In diesem Rahmen leisten Institutionen wie Dschihad-e Sazandegi, Bonyad-e Mostazafan und Bonyad-e Danesch seit Jahrzehnten „humanitäre“ Hilfe in Afrika. Verschiedene Ministerien, Einrichtungen und Universitäten setzen diese Politik ebenfalls um. Parallel zu dieser Hilfe hat der Iran mit der Zeit auch begonnen, seine militärische Präsenz vor Ort auszubauen. So erteilte der Oberste Führer Chamenei nach der Ermordung Soleimanis dessen Nachfolger Esmail Ghaani persönlich die Anweisung, die strategische Tiefe des Landes vom Nahen Osten nach Afrika auszuweiten, indem er dort Widerstandsbewegungen fördere und neue „Widerstandskräfte“ aufbaue. Die aktive Afrikapolitik, die Ebrahim Raisi heute betreibt, bildet die politische Komponente dieses Vorgehens.

In den afrikanischen Ländern, die sich durch diese Aktivitäten gestört fühlen, werden inzwischen Gegenreaktionen laut. So brach Marokko wegen der Unterstützung für Separatisten seine diplomatischen Beziehungen zum Iran ab, während Nigeria versucht, die Aktivitäten des schiitischen Geistlichen Zakzaky durch Druck auf ihn zu unterbinden. Äthiopien wiederum zerschlug vor zwei Jahren ein iranisches Geheimdienstnetzwerk, das einen Angriff auf die Botschaft der Vereinigten Arabischen Emirate vorbereitete, und begann, sämtliche Aktivitäten des Iran aufmerksam zu verfolgen. Die verdeckten Aktivitäten des Iran in einem weiten Gebiet vom Horn von Afrika bis zur Westsahara finden seit fünf Jahren zunehmend auch in offenen Quellen Niederschlag. Insbesondere in Israel und den USA ansässige Denkfabriken haben hierzu zahlreiche Analysen und Berichte veröffentlicht.

DER GRÖSSTE KONKURRENT IST DIE TÜRKEI

Neben globalen Mächten wie den USA, Frankreich, England, China und Russland betreiben auch Länder wie die Türkei, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Israel eine aktive Afrikapolitik. Trotz dieser Vielzahl von Akteuren nehmen die Politik und die Aktivitäten der Türkei auf dem Kontinent in den iranischen Medien einen überwältigend großen Raum ein. Insbesondere in den zwei Monaten seit Raisis Afrikabesuchen wurden Dutzende Analysen mit Überschriften wie „Die Handelsbeziehungen der Türkei mit Afrika sind 40-mal so umfangreich wie die des Iran“, „Was machen die Konkurrenten des Iran in Afrika?“, „Weg und Rolle des türkischen Einflusses auf dem afrikanischen Kontinent“ oder „100 Prozent Wachstum im Handel zwischen dem Iran und Afrika: Es ist Zeit, die Türkei zu überholen“ veröffentlicht. Auch zahlreiche iranische Meinungsführer greifen bei der Behandlung afrikanischer Themen auf Beispiele aus der türkischen Afrikapolitik zurück und vergleichen den Iran mit der Türkei.

Sämtliche Investitionen der Türkei in Afrika, die Aktivitäten ihrer Geschäftsleute, die Flugverbindungen von Turkish Airlines, die Zahl diplomatischer Vertretungen, die Tätigkeit von Einrichtungen wie Yunus Emre und der Maarif-Stiftung sowie viele weitere Themen werden von der iranischen Presse aufgegriffen. In den meisten Berichten wird die Türkei so dargestellt, als sei sie der einzige Konkurrent auf dem Kontinent. Bei der Afrikapolitik wird die Türkei stets als Maßstab herangezogen. Unablässig werden Zahlen angeführt, und jede Analyse betont, dass der Iran in diesem Wettbewerb die Führung übernehmen müsse.

ANKARA MUSS WACHSAM BLEIBEN

Lässt man den wirtschaftlichen Wettbewerb beiseite, könnte diese Frage sicherheitspolitisch den Boden für Entwicklungen bereiten, die der Türkei schaden. Denn der Iran könnte über Netzwerke, zu denen er Beziehungen aufgebaut hat, verschiedene Schritte unternehmen, von schwarzer Propaganda bis hin zu Terroranschlägen, um gegenüber der Türkei vor Ort Vorteile zu erzielen und den Wettbewerb zu seinen Gunsten zu wenden. Aus Berichten geht klar hervor, dass der Iran Somalia als Stützpunkt nutzt, um Waffen und andere Ausrüstung an seine Partner im Jemen, in Kenia, im Südsudan, in Tansania und in Mosambik weiterzuleiten. Ebenfalls ist offenen Quellen zu entnehmen, dass er über die Revolutionsgarden Beziehungen zu kriminellen Netzwerken und Al-Shabaab in Somalia aufgebaut hat, dort ein Netzwerk für Erdölschmuggel betreibt und Öl in ganz Afrika verkauft, wodurch er die Ölsanktionen der USA umgeht.

Darüber hinaus könnte der Iran Schwarze Menschen, die er durch seine ideologischen Aktivitäten in Afrika rekrutiert hat, auf verschiedenen Wegen in der Türkei ansiedeln. Auch in Interviews vor Ort ist von zahlreichen Afrikanern die Rede, die über den Iran in die Türkei eingereist sind. Es muss genau verstanden werden, auf welchen Wegen diese Menschen von Afrika in den Iran gelangt sind, was sie dort getan haben und mit welchen Beweggründen und auf welche Weise sie in die Türkei gekommen sind.

Zusammenfassend lässt sich erkennen, dass der Iran neben seinen „humanitären“ Aktivitäten in afrikanischen Ländern seine militärische Präsenz über die Revolutionsgarden ausbaut und damit sein Netzwerk von Stellvertreterkräften vertieft. Auffällig ist auch, dass in der iranischen Öffentlichkeit besonders von der Türkei gesprochen wird, als gebe es auf dem Kontinent keine anderen wichtigen Akteure. Angesichts der Möglichkeit, dass der Iran versuchen könnte, diese von Tag zu Tag weiter ausgebauten Netzwerke künftig zur Behinderung und Abschreckung türkischer Aktivitäten einzusetzen, ist Vorsicht geboten.


Dieser Beitrag erschien erstmals am 28. September 2023 in der Zeitung Yeni Şafak.

Link: https://www.yenisafak.com/dusunce-gunlugu/iranin-afrika-politikalari-neden-yakindan-izlenmeli-4563552