
Im Iran, einem der am stärksten vom Klimawandel betroffenen Länder, das zudem wegen einer verfehlten Wasserbewirtschaftung mit einer sehr ernsten Wasserkrise konfrontiert ist, verschärft sich die Lage von Tag zu Tag. Innerhalb von weniger als einem Jahr erlebt das Land tödliche Sturzfluten, Ernten vernichtende Dürren, Staubstürme und Temperaturen, die mancherorts über 50 Grad Celsius steigen. Wegen der Staubstürme Ende Juni 2023 mussten rund 1.200 Menschen ins Krankenhaus eingeliefert werden, ein Mensch kam ums Leben. Die Temperaturen im Land sind derart gestiegen, dass die Gewerkschaften begonnen haben, dazu aufzurufen, tagsüber nicht zu arbeiten.
Diese Dürresituation wirkt sich direkt oder indirekt auf zahlreiche Bereiche aus: von Landwirtschaft und Viehzucht bis zur Schwerindustrie, von der Ernährungssicherheit bis zur öffentlichen Gesundheit. Zu den wichtigsten Problemen gehört dabei die Versorgung mit Trinkwasser. Denn der Iran ist, wiederum aufgrund der Klimakrise, eines falschen Umgangs mit Wasser und einer verfehlten Wasserbewirtschaftung, auch mit einer ernsten Krise seiner erneuerbaren Wasserressourcen konfrontiert. Ahmet Vazife, Leiter des Nationalen Zentrums für Klima- und Dürrekrisenmanagement, das dem nationalen Wetterdienst untersteht, erklärte in seinen Stellungnahmen, dass in allen Regionen des Landes eine Krise bei der Trinkwasserversorgung herrsche und die Wassersituation im Osten sowie in Teilen des Nordens des Landes sehr ernst sei. Vazife sagte, dass die Niederschläge in Chorasan-e Razavi gegenüber dem Vorjahr um 53 Prozent und in Kerman sowie Sistan und Belutschistan um 48 Prozent geringer ausgefallen seien. Nach Vazifes Angaben sind auch die Niederschläge in Teheran gegenüber dem Vorjahr um mehr als 40 Prozent zurückgegangen, und bei den Wasserreserven der Hauptstadt wurde die Alarmstufe erreicht. Er erklärte außerdem, dass in einigen Großstädten, darunter Maschhad, eine Versorgung mit Trinkwasser nicht möglich sein werde. Nach Angaben der Regierung haben noch immer 17,6 Prozent der Bevölkerung in den ländlichen Gebieten des Iran keinen Zugang zu Trinkwasser. Der iranische Wetterdienst gibt an, dass 97 Prozent des Landes von Dürren unterschiedlicher Schwere betroffen sind. Angesichts abnehmender Niederschläge warnen Experten davor, dass im Land ein Krieg um Wasser ausbrechen und Menschen miteinander in Konflikt geraten könnten, um sich den Zugang zu den noch vorhandenen Ressourcen zu sichern. Auch die Weltbank zählt den Iran zu den weltweit 20 Ländern mit den geringsten jährlichen Niederschlägen.
Trotz aller klimabezogenen Erklärungen für das Problem vertreten einige Fachleute die Auffassung, dass allein der Iran selbst für den „Wasserbankrott“ im Land verantwortlich sei. Demnach liegt das Problem der Wasserversorgung im Land an unzureichender Planung und daran, dass „mehr verbraucht wird, als die Natur bereitstellt“. Auch Mohsen Naseri, Dozent an der Universität Teheran und Leiter der Arbeitsgruppe Klimawandel beim der iranischen Akademie der Wissenschaften angeschlossenen Thinktank für Klimawandel und Umwelt, unterstrich in einer Stellungnahme die Auswirkungen der Nutzung erneuerbarer Wasserressourcen und die Schwere des bestehenden Problems. Nach Naseri sollten höchstens 20 Prozent der erneuerbaren Wasserressourcen genutzt werden, um die Stabilität und den Fortbestand der Wasservorkommen zu sichern. Im Iran steigt dieser Anteil jedoch auf bis zu rund 80 Prozent. Das führt zur Entstehung von Erdfällen, zum Austrocknen von Feuchtgebieten sowie zum Rückzug und Verschwinden von Seen. Schätzungen zufolge wird erwartet, dass der Temperaturanstieg im Land bis 2030 in sämtlichen Einzugsgebieten zu einem Rückgang des Oberflächenabflusses führen wird, was schwere Dürren und Überschwemmungen zur Folge hätte. Nach Naseri besteht auch in der Bevölkerung eine Illusion. Sobald es ein wenig regne, ende ihm zufolge die Sorge vor Dürre im Land, und es herrsche die falsche Vorstellung, die Stauseen hätten sich gefüllt und die Dürre sei vorbei. Naseri wies außerdem darauf hin, dass im Iran seit Jahren die Vorstellung bestehe, das Land sei sehr reich und man müsse nur einen Meter tief graben, um auf Erdöl und wertvolle Bodenschätze zu stoßen. Nicht nur die Bevölkerung, sondern auch die Verantwortlichen hielten an dieser Vorstellung fest. Man müsse sie jedoch aufgeben und Planungen vornehmen, ohne dieser Illusion zu erliegen.
Zusammenfassend steht fest, dass die Wassersicherheit im Iran gefährdet ist. So äußerten sich bereits seit den Frühlingsmonaten sowohl Wissenschaftler als auch einige Personen aus dem Staatsapparat in rascher Folge zu diesem Thema, und in den Medien erschienen zahlreiche Beiträge, um die Bevölkerung zu beruhigen. Auch die gegenwärtige Regierung arbeitet mit aller Kraft daran, eine Lösung zu finden, bevor sich das Problem auf das ganze Land ausweitet. Sollten sich die bislang vor allem lokal und in ländlichen Gebieten auftretenden Probleme der Trinkwasserversorgung jedoch landesweit ausbreiten, würde auch ihre psychologische Wirkung auf die Gesellschaft mindestens ebenso verheerende Folgen haben wie andere wichtige Sicherheitsfragen.
Dieser Beitrag erschien erstmals am 31. Juli 2023 beim Zentrum für Iranstudien (İRAM).
Link: https://www.iramcenter.org/iranda-su-arzindaki-sorunlar-2403
