
Die Proteste, die Iran seit einer Woche erfassen, haben erneut die Frage aufgeworfen: „Ist dies der erste Schritt zu einem Regimewechsel?“ Wer diese Frage jedoch stellt, ohne die Hintergründe der Ereignisse vor Ort zu verstehen, gelangt häufig zu grundlegend fehlerhaften Analysen.
Um die Feinheiten des Problems vollständig zu erfassen, muss es auf mehreren Ebenen untersucht werden. Iran befindet sich in einer Krise, die sich seit 2016 verschärft und seit 2018 erheblich zugespitzt hat, parallel zur Politik des „maximalen Drucks“ während Trumps erster Amtszeit. Westliche Analysten, die mit den Realitäten vor Ort nicht vertraut sind, verkennen diese Krise häufig; deshalb müssen ihre Hintergründe genauer betrachtet werden.
Wirtschaftskrise
Iran steht vor dem Problem einer ungeplanten Urbanisierung, die in den 1960er-Jahren begann und sich bis heute verstärkt hat. Die rasche Landflucht hat die Dörfer entvölkert und die Landwirtschaft sowie die Viehzucht stark geschwächt. Dadurch ist eine riesige Bevölkerung entstanden, die sich in Elendsvierteln zusammendrängt und in den Städten ums Überleben kämpft. Die etablierten Eliten bezeichnen diese Binnenmigranten abwertend als „schahrestani“ (Provinzler). Während diese Ausgrenzung die gesellschaftlichen Bruchlinien vertieft, hat der Zuzug von Millionen afghanischen Flüchtlingen seit den 1980er-Jahren das chaotische Wachstum der städtischen Randgebiete weiter verstärkt. In der Summe ist eine zersplitterte Gesellschaft entstanden, die von gegenseitigem Misstrauen, Ressentiments und tiefer Unzufriedenheit geprägt ist.
Die städtische Infrastruktur kann diese Bevölkerungsbelastung nicht mehr tragen. Die Wasser-, Strom- und Gasnetze brechen zusammen, während die zunehmende Armut gravierende Probleme der öffentlichen Ordnung auslöst. Das Land erlebt eine seiner schwersten Wohnraumkrisen. Die zerstörerischste Dimension zeigt sich auf dem Arbeitsmarkt: Die von der ländlichen Produktion abgeschnittenen Massen bildeten ein riesiges Heer ungelernter Arbeitskräfte. So entstand eine überschüssige Bevölkerung, die man als „Menscheninflation“ bezeichnen könnte und die die Löhne auf ein Hungerniveau drückt.
Am deutlichsten spiegeln sich diese wirtschaftlichen Engpässe in der Wohnraumkrise, die seit Jahren das beherrschende Thema in Iran ist, und im Wertverlust der Pensionen von Lehrern und der Renten von Ruheständlern wider. Insbesondere in Metropolen wie Teheran ist es wegen astronomischer Mieten und der Forderung nach hohen Mietkautionen, die nahezu dem Wert der Immobilie entsprechen, unmöglich geworden, eine Wohnung zu finden.
Infolgedessen hat eine ganze Generation wegen der Wohnkosten und niedrigen Einkommen ihre Heiratspläne zurückgestellt. Junge Menschen bleiben entweder bei ihren Familien oder teilen sich Wohnungen in Gruppen, um die Miete bezahlen zu können. Dass eine Eheschließung wirtschaftlich nicht mehr möglich ist, widerspricht den kulturellen Normen einer Gesellschaft, die der Ehe einen hohen Stellenwert beimisst, und löst einen stillen, aber heftigen gesellschaftlichen Konflikt aus.
Auf der einen Seite dieses Konflikts steht die Generation der in den 1980er-Jahren und danach Geborenen, auf der anderen stehen Familien und eine Gesellschaft mit sehr ausgeprägten kulturellen Normen. Die dritte Konfliktpartei bilden die von der Islamischen Republik auferlegten Scharia-Gesetze. Die Regierung steht dieser Bevölkerungsgruppe, die selbst dann nicht heiraten kann, wenn sie es möchte, unmittelbar entgegen. Tatsächlich lastet in einem Land, in dem selbst an den Universitäten ein Pflichtkurs namens „Familien- und Bevölkerungskunde“ unterrichtet wird, auf jungen Menschen auf allen gesellschaftlichen Ebenen ein enormer Druck, „eine Familie zu gründen“. Wer Iran wirklich gut kennt, wird ermessen können, wie entscheidend dieses Problem ist.
Der wirtschaftliche Zusammenbruch zeigt sich in der Kaufkraft. Während die allgemeine Inflation bei über 50 % liegt, ist die Lage bei den Lebensmittelpreisen noch düsterer: Daten vom Dezember 2025 zufolge sind die Lebensmittelpreise gegenüber dem Vorjahr um 72 % gestiegen. Milchprodukte verteuerten sich auf das Sechsfache, Grundnahrungsmittel auf mehr als das Zehnfache und Kartoffeln um 103 %. Die Gehälter stiegen dagegen nur um 20 %, wodurch Menschen mit festen Einkommen zum Hungern verurteilt werden. Eine dreiköpfige Familie in Teheran benötigt 550 Millionen Rial (400 US-Dollar) für ihre Grundbedürfnisse; die gegenwärtigen Einkommen decken jedoch weniger als ein Drittel davon.
Die Zahlen zeichnen ein erschütterndes Bild. Zu den aktuellen Marktkursen liegt der Mindestlohn im Land bei rund 156 Millionen Rial (113 bis 114 US-Dollar). Bei den Lehrern, die das Rückgrat der Gesellschaft bilden, ist die Lage nicht anders: Das durchschnittliche Lehrergehalt beträgt etwa 160 Millionen Rial. Infolgedessen ist die große Mehrheit der Lehrer gezwungen, einer zweiten oder sogar dritten Beschäftigung nachzugehen, um mit diesem Einkommen, das weit unter der Schwelle von 200 US-Dollar liegt, überleben zu können. Für Rentner, die am stärksten gefährdete Gruppe, ist die Lage eine völlige Katastrophe; ihre monatlichen Bezüge liegen bei 140,4 Millionen Rial. Diese gewaltige Kluft zwischen Einnahmen und Ausgaben hat die iranische Mittelschicht vollständig ausgelöscht und breite Bevölkerungsschichten zu „städtischen Armen“ gemacht. Iranische Zeitungen berichten inzwischen von Wunden am Körper von Kindern infolge von Unterernährung und weisen zugleich auf einen zunehmenden Drogenkonsum in vielen Familien hin.
Irans eigentliches Problem reicht deshalb über den Hidschab, Benzinpreiserhöhungen, Wassermangel oder Stromausfälle hinaus. All dies sind lediglich Symptome. Die Grundursache ist das Chaos, das durch unkontrollierte Binnenmigration, Urbanisierung und die Ausbreitung von Elendsvierteln entsteht. Betrachtet man die gesellschaftlichen Grundlagen der Islamischen Revolution in Iran genauer, wird auch dieser Wandel deutlich sichtbar. Tatsächlich lassen sich die Triebkräfte der heutigen politischen Landschaft Irans auf genau dieselben strukturellen Veränderungen zurückführen.
Charakter der Proteste
Die Proteste in Iran begannen am Samstag, dem 28. Dezember 2025, dem ersten Tag der iranischen Arbeitswoche, mit der Schließung von Geschäften im Teheraner Einkaufszentrum Alaeddin und in der Charsou Mall. Das war kein Zufall, denn diese Zentren sind Schwerpunkte des Elektronikhandels. Der sprunghafte Anstieg des Dollarkurses brachte die Ladenbesitzer, insbesondere im Technologiesektor, in eine ausweglose Lage. Da sämtliche von ihnen verkauften Produkte importiert werden, hängt ihre Preisgestaltung vollständig vom Wechselkurs ab. Als sie am Morgen des 28. Dezember ihre Geschäfte öffneten, standen sie vor einem gravierenden Problem, mit dem sie schon seit Langem zu kämpfen hatten: Sie konnten weder berechnen, zu welchem Preis sie ihre vorhandenen Waren verkaufen sollten, noch, wie viel sie ihren Lieferanten für neue Bestellungen zahlen müssten. Die Händler erklärten, dass sie bei jedem Geschäft Verlust machten.
In diesen Einkaufszentren, in denen die Mieten inzwischen fünf bis sechs Milliarden Rial betragen, ist eine wirtschaftlich tragfähige Geschäftstätigkeit angesichts der eingebrochenen Kaufkraft nicht mehr möglich. Um das erschreckende Gefälle zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass der Mindestlohn im Land nur 156 Millionen Rial beträgt. Mit anderen Worten: Die Miete eines durchschnittlichen Geschäfts entspricht etwa 35 Monatslöhnen eines Arbeiters.
Da die Ladenbesitzer angesichts der Hyperinflation weder Preise festlegen noch ihre Lager auffüllen konnten, bezeichneten sie den Streik als einen Akt des „wirtschaftlichen Überlebens“. Diese erste Aktion griff rasch auf den Großen Basar von Teheran über. Diese Entwicklung besitzt für die Teheraner Regierung eine besondere symbolische Bedeutung, denn die Basarhändler gelten historisch als eine der verlässlichsten Stützen der Islamischen Republik. Die Sicherheitskräfte gingen mit Tränengas gegen Demonstranten vor, die sich rund um Lalezar, Charsouq und die Dschomhuri-Allee vor dem Alaeddin-Einkaufszentrum versammelten. In der Nacht des 29. Dezember weiteten sich die Proteste auf Isfahan, Schiras, Maschhad, die Insel Qeschm, Sandschan und Hamadan aus.
Die Regierung Peseschkian war sich der Lage bewusst und ging das Problem so behutsam und verständnisvoll wie möglich an. In rascher Folge erklärten Regierungsvertreter, man kenne die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, verstehe die Einwände und bemühe sich um entsprechende Schritte. Obwohl die Sicherheitskräfte insbesondere harte Eingriffe vermeiden wollten, eskalierte die Gewalt in einigen Bezirken. Allerdings ist zu beachten, dass die zunehmende Gewalt in bestimmten Gebieten wie Lordegan und Azna auch mit der dort vorherrschenden politischen Kultur und ihrer Distanz zum Staatsapparat zusammenhängt. Mancherorts löste ein fehlerhaftes Vorgehen der Polizei die Gewalt aus. Im weiteren Verlauf der Ereignisse äußerte sich Irans Oberster Führer, Ajatollah Ali Chamenei, am Samstag erstmals und traf eine klare Unterscheidung: „Mit Demonstranten kann man reden, aber mit Randalierern zu reden hat keinen Sinn.“ Auch die iranischen Geheimdienste schickten der Bevölkerung SMS-Nachrichten zu diesem Thema.
Werden die Proteste das Regime verändern?
Israels letztliches Ziel im jüngsten Zwölftagekrieg beruhte darauf, durch das Auslösen eines Volksaufstands einen Wandel des Systems aus eigener Dynamik herbeizuführen. In diesem Zusammenhang wurden während des gesamten Konflikts gezielt die Mechanismen der inneren Sicherheit angegriffen. Es ist kein Geheimnis, dass man durch eine Erhöhung des Drucks auf das Land und die Schwächung jener Mechanismen, die diesem Druck standhalten könnten, einen Wandel anstrebte. Bei Analysen zu Iran werden jedoch häufig zwei entscheidende Punkte übersehen.
Der erste ist die Tatsache, dass sich Iraner, von Säkularen bis hin zu Konservativen, unter dem gemeinsamen Nenner „Iran“ zusammenschließen werden, selbst wenn sie die Islamische Republik nicht gutheißen. So wie niemand einen von inneren Konflikten und Sicherheitsproblemen geplagten „gescheiterten Staat“ wünscht, haben die israelischen Angriffe aufgrund der nationalen Gefühle der Iraner Wut in der Bevölkerung hervorgerufen.
Der zweite Punkt betrifft die Begriffe „Mardscha-e Taghlid“ (Quelle der Nachahmung) und „Velayat-e Faqih“ (Herrschaft des Rechtsgelehrten), die Außenstehende häufig nur unzureichend verstehen. Ein „Ajatollah“ ist für einen Schiiten nicht bloß ein gewöhnlicher Geistlicher. Der Einfluss und die Macht Ali Sistanis im Irak oder das Gewicht der Position, die Ali Chamenei in Iran innehat, werden nicht hinreichend erfasst. Daher wird jeder Akt des Aufbegehrens der Bevölkerung von außen als „Versuch, die Islamische Republik zu stürzen“ fehlgedeutet. Dies mag dem Wunschdenken bestimmter Gruppen innerhalb der iranischen Diaspora entsprechen, bildet aber die Realität nicht ab.
Dennoch ist offenkundig, dass sich in Iran gesellschaftliche Wut angestaut hat und aus den genannten Gründen große Armut herrscht. Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass diese Armut und die Krise der Staatsführung das Land in Richtung Chaos treiben. Genau deshalb weisen Massud Peseschkian und andere führende reformorientierte Persönlichkeiten beharrlich auf Probleme der Staatsführung hin. Solange jedoch das tiefgreifende „institutionelle Vakuum“ des Landes fortbesteht und die Islamische Revolutionsgarde (IRGC) ihre wirtschaftliche Hegemonie aufrechterhält, erscheinen reformorientierte Schritte zum gegenwärtigen Zeitpunkt unwahrscheinlich. Deshalb lässt sich schwerlich behaupten, dass die Proteststimmung in Iran ohne tiefgreifende Reformen und Schritte zur Institutionalisierung abklingen wird.
Dieser Artikel erschien erstmals am 7. Januar 2026 in Daily Sabah.
