Gesellschaftliche Dynamiken im Iran: aktuelle Lage und Tendenzen


Am 28. Dezember 2025 breiteten sich die von Händlern in Teheran begonnenen, wirtschaftlich motivierten Proteste binnen kurzer Zeit auf das ganze Land aus. Der dramatische Wertverlust des Rial, eine Inflation von über 40 Prozent und eine Lebensmittelinflation von bis zu 70 Prozent treten als wichtigste wirtschaftliche Auslöser der Proteste hervor. Zwar erreichten die Proteste hinsichtlich der Beteiligung nicht das Ausmaß der Grünen Bewegung oder der Mahsa-Amini-Proteste, doch gingen sie hinsichtlich der Gewalt als eines der härtesten Ereignisse der modernen iranischen Geschichte in die Annalen ein.
Die iranische Wirtschaft befindet sich unter den seit 2018 andauernden Sanktionen des maximalen Drucks und der nach den israelisch-iranischen Kampfhandlungen vom Juni 2025 verschärften internationalen Isolation in einem erheblichen Schrumpfungsprozess. Dass Präsident Masud Peseschkian in seinem Haushaltsentwurf die Sicherheitsausgaben um 150 Prozent erhöht, die Lohnsteigerungen aber bei zwei Fünfteln der Inflation hält, hat die Unzufriedenheit in breiten Schichten vertieft, von der städtischen Mittelschicht bis zur traditionellen konservativen Basis des Regimes. Sieht man von der Präsenz und den Provokationen bewaffneter Gruppen ab, so spiegeln die Positionen, die die gesellschaftlichen Schichten bei den jüngsten Protesten eingenommen haben, den Wandel im soziologischen Fundament des Regimes deutlich wider. Die Bevölkerung unter 30, die die entscheidendste Dynamik der Proteste ausmacht, radikalisiert sich seit den Mahsa-Amini-Protesten von 2022 zunehmend, und die steigende Jugendarbeitslosigkeit vertieft die ideologische Trennung zwischen dieser Gruppe und dem Establishment.
Die Haltung des konservativen Lagers
Das konservative Lager hat sich bei den jüngsten Protesten in mindestens drei deutlich unterscheidbare Schichten aufgeteilt. Die erste ist der ultrakonservative Flügel, der den Revolutionsgarden (IRGC) nahesteht. Abgeordnete mit engen Verbindungen zu den Revolutionsgarden reagierten am schärfsten auf die Proteste. So erklärte etwa der Abgeordnete für Maschhad und Vorsitzende der Kommission nach Artikel 90 des Parlaments, Nasrollah Pejmanfar, offen, der frühere Präsident Rohani müsse wegen seiner Politik der Annäherung an den Westen hingerichtet werden. Ein weiterer Hardliner-Abgeordneter, Amir Hossein Sabeti, nahm direkt die Regierung Peseschkian ins Visier und verurteilte die Aufnahme indirekter Verhandlungen mit den USA (wobei er den Obersten Führer Ayatollah Ali Chamenei und das System selbst von den Gesprächen ausnahm). Dieser Flügel bezeichnet die Proteste vollständig als „US-israelisches Projekt“ und charakterisiert jede Form des Dialogs als „Einladung zum Zusammenbruch des Regimes“.
Die zweite Gruppe bilden die pragmatischen Konservativen, die sich um Ghalibaf scharen. Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf erklärte, „böswillige Einzelne und organisierte Bewegungen“ versuchten, die Forderungen in Chaos zu verwandeln, betonte zugleich aber, die Existenzsorgen der Bevölkerung müssten verantwortungsvoll behandelt werden. Bei seinem Besuch am Chomeini-Mausoleum am 3. Februar äußerte Ghalibaf eine bedeutsamere Warnung: Der „von außen geworfene Stein“ sei beherrschbar, die eigentliche Gefahr liege im „Zerstören der Schienen“ und im „Erlahmen der Lokomotive“. Diese Worte sind ein implizites Eingeständnis, dass die Bedrohung aus dem inneren Bruch, aus der Erosion innerhalb der Führungsstruktur und aus einer Gesellschaft kommt, die nicht mehr gehorcht. Zugleich hält Ghalibaf am sicherheitspolitischen Diskurs fest und erklärt, im Falle eines US-Angriffs würden sämtliche amerikanischen Stützpunkte in der Region getroffen. Diese doppelte Haltung zeigt, dass die pragmatischen Konservativen die Spannung zwischen innerer Reform und äußerer Bedrohung zu bewältigen versuchen.
Die dritte Gruppe sind Hüter des Systems wie Sadegh Laridschani, der Vorsitzende des Schlichtungsrats. Laridschanis Ansatz — „Kritik ist das Recht der Nation, darf aber keine Signale an die Feinde senden“ — spiegelt den traditionellen konservativen Reflex wider, Unzufriedenheit anzuerkennen, sie jedoch im Sicherheitsrahmen des Staates zu halten.
Die Haltung des reformistischen Lagers
Die Wahl Peseschkians 2024 hatte den Reformisten erneut Raum verschafft, doch die Nichteinlösung seiner Versprechen hat diese Basis rasch schwinden lassen. Während der Proteste nahm Peseschkian zunächst eine versöhnliche Haltung ein, ging jedoch, als die Bewegung sich zu Forderungen nach einem Regimewechsel entwickelte, zu einem harten Diskurs über, der die USA und Israel beschuldigte. Denn Peseschkian ist, so reformistisch er sein mag, letztlich Teil des Systems. Angesichts des geringen Einflusses der Regierung auf die vom Establishment betriebene Sicherheitspolitik lässt sich indes annehmen, dass sie an der Niederschlagung der Proteste so gut wie keinen Anteil hatte.
Ende Januar erhoben sich innerhalb des reformistischen Lagers abweichende Stimmen. In einer Erklärung, die dem weiterhin unter Hausarrest stehenden früheren Ministerpräsidenten Mir Hossein Mussawi zugeschrieben wird, hieß es: „Auf wie viele weitere Arten muss das Volk noch sagen, dass es dieses System nicht will und euren Lügen nicht glaubt? Es reicht. Das Spiel ist aus.“ Mussawi rief die Sicherheitskräfte dazu auf, „die Waffen niederzulegen und den Weg der Macht freizugeben“, und forderte, dass dies ohne äußere Einmischung, über ein Verfassungsreferendum und einen demokratischen Übergang geschehe. Der ebenfalls aus dem Hausarrest entlassene reformistische Führer Mehdi Karrubi bezeichnete die Todesfälle bei den Protesten als „ein Verbrechen, dessen Ausmaß wiederzugeben Zunge und Feder außerstande sind“, und fügte hinzu: „Der heutige elende Zustand des Iran ist die unmittelbare Folge von Chameneis zerstörerischer Innen- und Außenpolitik.“
Am 9. Februar nahmen die Sicherheitskräfte die Vorsitzende der Reformfront, Azar Mansuri, den früheren Diplomaten Mohsen Aminsadeh und den früheren Abgeordneten Ebrahim Asgharsadeh, die diese Erklärung unterzeichnet hatten, unter dem Vorwurf fest, „umfassende Aktivitäten zur Störung der politischen und gesellschaftlichen Ordnung des Landes organisiert und geleitet“ zu haben. Die den Revolutionsgarden nahestehende Nachrichtenagentur Fars brachte die Festnahmen des Journalisten Mehdi Mahmudian, des Aktivisten Abdollah Momeni und von Vida Rabbani damit in Verbindung, dass sie Mussawis Erklärung aus dem Hausarrest herausgebracht hätten.
Die reformistische Bewegung wird heute in drei Richtungen gezogen: jene, die auf der Linie Mussawi–Karrubi vergleichsweise mit dem System gebrochen haben und einen demokratischen Übergang fordern; der Teil, dessen Spielraum schrumpft, der aber weiter auf eine schrittweise Reform von innerhalb des Regimes hofft; und Figuren wie Hassan Rohani, die leiser agieren. Darüber hinaus lässt sich sagen, dass die Reformisten in den Augen der Demonstrierenden auf der Straße ebenfalls als „Teil des Regimes“ gelten.
Festgenommene reformistische Politikerin freigelassen
Nach einem Bericht der Internetseite Cameran wurde die Vorsitzende der Reformfront, Mansuri, gegen Kaution freigelassen.
Die Vorsitzende der Reformfront, Mansuri, war gemeinsam mit einigen reformistischen Politikern wegen „verfassungswidrigen Verhaltens“ festgenommen worden.
Der ebenfalls festgenommene Sprecher der Reformfront, Dschawad Emam, und Ebrahim Asgharsadeh waren am Vortag freigelassen worden.
Innere Balancen, äußerer Druck und die Schwelle der Nachfolge
Die Loyalität der Sicherheitskräfte und die institutionelle Geschlossenheit sind die Grundfaktoren, die das Regime am Leben halten. Doch Ghalibafs Warnung, „Nachlässigkeit und Fehlkalkulation werden hohe Kosten verursachen“, sowie die Bemühungen von Justizchef Mohseni Edschei, die Basis zu beruhigen, lassen vermuten, dass selbst hochrangige Amtsträger den gegenwärtigen Kurs nicht für tragfähig halten. Die Niederschlagung der Proteste hat den gesellschaftlichen Zorn nicht beseitigt, sondern ihn im Gegenteil als unterdrückte Energie angestaut.
Im Ergebnis durchläuft die iranische Gesellschaft eine Phase, in der die Unterstützung für das Regime erodiert ist, ohne sich vollständig aufzulösen, in der die Opposition sich ausgebreitet hat, ohne organisiert zu sein, und in der der äußere Druck die gesellschaftlichen Dynamiken zugleich auslöst und verkompliziert. Es liegt auf der Hand, dass ein möglicher Nachfolgeprozess nach Chamenei das Potenzial hat, nicht nur die inneren Balancen des Regimes, sondern auch die regionalen Machtgleichungen neu zu formen.
Dieser Artikel erschien erstmals am 13. Februar 2026 bei der Nachrichtenagentur Anadolu.



Kommentare