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Pahlavi-Nostalgie: Ein Erbe ohne Zukunft

Oral Toğa15. September 20256 Min. Lesezeit

Erwartungen eines politischen Wandels in Iran werden insbesondere in Diasporakreisen so häufig geäußert, dass bereits über Übergangsszenarien diskutiert wird, selbst wenn es im Land keine konkreten Entwicklungen gibt. Dies zeigt, dass politische und intellektuelle Debatten außerhalb Irans häufig einem anderen zeitlichen Rhythmus folgen als die Realitäten im Land. Zu den in diesen Debatten am häufigsten genannten Personen gehört der im Exil lebende Kronprinz Reza Pahlavi.

Als Irans letzter Schah, Mohammad Reza Pahlavi, am 16. Januar 1979 zum zweiten Mal mit seiner Familie das Land verließ, war sein ältester Sohn, Kronprinz Reza, erst 19 Jahre alt. Für die Pahlavi-Dynastie, die nach dem Putsch von 1953 schon einmal kurzzeitig ins Exil gegangen war, erwies sich dieser Abschied als endgültig. Nach der Revolution von 1979 ließ sich Reza Pahlavi in den Vereinigten Staaten nieder. Nach dem Tod seines Vaters 1980 nahm er den Titel „Kronprinz im Exil“ an. In seinen ersten Jahren konzentrierte er sich auf seine Ausbildung und Sicherheit. Seit den 1990er-Jahren übernahm er die Rhetorik der iranischen Opposition und betonte Demokratie, Menschenrechte und Säkularismus. Statt offen die Wiederherstellung der Monarchie zu verlangen, plädierte er für eine politische Ordnung, die auf dem Willen des Volkes beruht. In den 2000er-Jahren trat er in den Medien und Denkfabriken Washingtons stärker in Erscheinung. Äußerungen, die auf eine Zusammenarbeit mit Israel und den Golfstaaten hindeuteten, lösten allerdings scharfe Kritik innerhalb Irans aus. In den 2010er-Jahren schlug er vor dem Hintergrund der Grünen Bewegung und des Arabischen Frühlings einen „nationalen Übergangsrat“ vor, konnte daraus aber keine konkrete Organisation entwickeln. Heute bleibt er der symbolische Anführer monarchistischer Gruppen in der Diaspora, während seine Basis innerhalb Irans schwach und zersplittert ist.

Die Zeit des Schahs

Häufig heißt es: „Wenn der Fortschritt schwerfällt, wird die Vergangenheit gepriesen.“ In der Politikwissenschaft wird dies als Politik der Nostalgie in Gesellschaften beschrieben, die sich in einer Krise befinden. Wenn strukturelle Hindernisse den gesellschaftlichen Fortschritt blockieren oder das bestehende Regime in eine Legitimitätskrise gerät, kommt eine selektive Erinnerung an die Vergangenheit zum Tragen, die sich aus idealisierten Bildern speist. Die Fehler und Widersprüche der Vergangenheit werden ausgeblendet und durch Symbole für Ordnung, Wohlstand oder nationale Einheit ersetzt.

In Iran ist die Pahlavi-Dynastie zum Mittelpunkt genau dieses nostalgischen Mechanismus geworden. Im heutigen Iran gilt die Rückkehr der Monarchie nicht als reale Möglichkeit; für die mit dem Regime Unzufriedenen dient die Pahlavi-Ära dennoch als Erinnerung an eine „verlorene Stabilität“. So fungieren die Pahlavis weniger als politische Kraft denn als Projektionsfläche für Nostalgie.

In Iran ist ein Witz verbreitet: Es heißt, das Persische habe vier Zeitformen: die Vergangenheit („zaman-e gozashteh“), die Gegenwart („zaman-e hal“), die Zukunft („zaman-e ayandeh“) und die „Zeit des Schahs“ („zaman-e Shah“). Insbesondere in den Städten beziehen sich die Menschen so häufig auf die „Zeit des Schahs“, dass daraus ein Dauerwitz geworden ist.

Angesichts der heutigen wirtschaftlichen Not, politischen Unterdrückung und gesellschaftlichen Einschränkungen verwenden die Menschen diese Wendung häufig für direkte Vergleiche mit der Vergangenheit. Der Satz „Zu Zeiten des Schahs war das nicht so“ ist mehr als eine Beschwerde; er ist zugleich eine sichere Möglichkeit, das gegenwärtige System infrage zu stellen. Diese Nostalgie drückt eine Sehnsucht nach der Vergangenheit aus, macht gleichzeitig die heutigen Schwierigkeiten deutlich und öffnet den Blick auf alternative Zukünfte. Der Begriff „Zeit des Schahs“ wird so zu einem Instrument, das Humor mit Kritik verbindet und die politische Erinnerung lebendig hält.

„Reza Shah Rouhat Shad“

Bei nahezu jeder Demonstration gegen die Regierung und das System wird die Parole „Reza Shah Rouhat Shad“ („Reza Schah, möge deine Seele gesegnet sein/mögest du in Frieden ruhen“) gerufen. Die Kraft dieser Parole liegt darin, dass Reza Schah eine säkulare, fortschrittliche und nach außen gewandte Vorstellung von Iran verkörpert. Die von ihm angestoßenen Reformen, von Bildung und Recht bis zu Infrastruktur und Verwaltungsorganisation, leben in den Köpfen der Menschen als Vergleichsmaßstab in der heutigen Krisenatmosphäre fort. Trotz aller Einschränkungen verfolgt die iranische Gesellschaft die Außenwelt aufmerksam. Familienbeziehungen in der Diaspora und digitale Plattformen stärken dieses Bewusstsein. Dass es heute selbst für touristische Reisen schwierig ist, das Land zu verlassen, macht Reza Schah zugleich zum Symbol einer einst offenen, heute jedoch verschlossenen Welt.

Diese nostalgische Bewunderung überträgt sich allerdings nicht in gleichem Maße auf seinen Enkel. Kronprinz Reza Pahlavi steht zwar weiterhin im Schatten des historischen Erbes seiner Familie, hat aber nicht das charismatische Bild eines Staatsgründers geerbt, das die Iraner mit seinem Großvater verbinden. Sein Name mag in Diasporagruppen und Teilen der städtischen Opposition als Symbol auftauchen; innerhalb Irans bleibt seine Präsenz jedoch begrenzt und zersplittert.

Die politischen Grenzen Reza Pahlavis

Trotz der Nostalgie und der wachsenden Unzufriedenheit mit dem System gibt es mehrere Gründe dafür, dass Reza Pahlavi innerhalb Irans kein wirksamer politischer Akteur geworden ist. Das erste und vielleicht wichtigste Hindernis besteht darin, dass der gegen das System gerichteten iranischen Opposition eine natürliche Führungsfigur fehlt und Pahlavi diese Lücke nicht schließen kann. Die ihm entgegengebrachte Unterstützung wirkt häufig eher aufgesetzt als organisch: Sie erscheint stärker als eine von außen projizierte Alternative denn als eine tatsächliche Forderung der Gesellschaft. Aus diesem Grund kann sein Name plötzlich Aufmerksamkeit gewinnen, doch dieselben Gruppen können sich ebenso rasch republikanischen Forderungen zuwenden oder sich sogar gegen ihn stellen. Alles in allem lässt sich schwerlich behaupten, dass er innerhalb Irans tatsächlich Anhänger hat.

Ein zweiter Faktor ist die Kluft zwischen seiner Onlinepräsenz und der politischen Realität. Zu den sichtbarsten Kräften, die Pahlavi in der Diaspora unterstützen, gehören Netzwerke von Social-Media-Aktivisten, die häufig als seine „Trollarmee“ bezeichnet werden. Diese Netzwerke bestehen überwiegend aus anonymen Konten, deren Betreiber ihre Identität verbergen und sich einer extremen Sprache bedienen, die zwischen übertriebenem Lob und scharfer Verunglimpfung schwankt. Sie erheben Pahlavi zu „Irans einziger Hoffnung“, während sie seine Kritiker als „Verräter“, „Regimeagenten“ oder „Diener der Mullahs“ angreifen. Koordinierte Hashtag-Kampagnen, gezielte Themensetzung und digitale Hetzjagden lassen seine digitale Präsenz weit größer erscheinen, als sie tatsächlich ist. Solche aggressiven Methoden stoßen jedoch häufig andere Oppositionsgruppen ab und drängen die monarchistische Bewegung an den Rand, statt eine breite gesellschaftliche Unterstützung sichtbar zu machen.

Eine dritte Begrenzung liegt im Wesen der Nostalgie für die Pahlavi-Ära selbst. Die Wendung von der „Zeit des Schahs“ taucht in politischen Debatten immer wieder auf und wird unter dem Eindruck der heutigen Schwierigkeiten neu belebt. Wer nostalgische Sehnsucht jedoch mit konkreten politischen Forderungen verwechselt, behindert den Aufbau einer schlüssigen Oppositionsstrategie. Zudem halten viele die Wiederbelebung der Monarchie für unrealistisch, und die Vorstellung eines „ererbten Throns“ lässt sich nur schwer mit demokratischer Rhetorik vereinbaren. Der Name Pahlavi mag daher als Symbol der Vergangenheit dienen, bietet aber kein inklusives Projekt für die Zukunft.

Schließlich spricht Reza Pahlavi zwar seit Jahren von einem „freien Iran“ und einer „Übergangsphase“, hat aber keinen konkreten Fahrplan für grundlegende Fragen wie Wirtschaft, ethnische Minderheiten, Frauenrechte oder Außenpolitik vorgelegt. Jenseits seiner Rolle als „Kronprinz“ und „rechtmäßiger Erbe“ fehlt ihm eine eigenständig tragfähige politische Vision. Einige seiner Äußerungen während des iranisch-israelischen Konflikts lösten heftige Reaktionen aus und entfernten ihn weiter von der öffentlichen Meinung im Land. Die Menschen zu Straßenprotesten aufzurufen, während Bomben auf ihre Städte fielen, und zugleich an der Seite jener Akteure zu erscheinen, die die Angriffe ausführten, widersprach den starken nationalen Empfindlichkeiten, die die iranische Gesellschaft prägen. Selbst wenn eine solche Person irgendwie an die Spitze gelangte, wäre es für sie nahezu unmöglich, ihre Macht zu festigen. Mit der Zeit würden viele in ihr einen Kollaborateur des Feindes sehen.

Kann der Schah tatsächlich regieren?

Untergrundnetzwerke innerhalb des Establishments bereiten sich bereits auf eine Systemkrise vor. Zugleich dürften nationalistische Gruppen Reza Pahlavi als jemanden darstellen, der mit ausländischen Mächten zusammenarbeitet. Denn wie jeder weiß, der mit der modernen iranischen Geschichte vertraut ist, reichen die antiwestlichen Einstellungen Irans über die Islamische Revolution hinaus bis ins späte 19. Jahrhundert zurück. In jedem Szenario nach einer Krise könnte die Möglichkeit eines Zerfalls des Landes die Gesellschaft tief traumatisieren und die Unterstützung für Untergrundorganisationen verbreitern.

Zugleich steht Iran vor strukturellen Problemen, die sich nicht durch einen bloßen Regimewechsel lösen lassen. Wirtschaftliche Not, Arbeitslosigkeit, Umweltkrisen und soziale Ungleichheit verschwinden nicht über Nacht. Selbst wenn Pahlavi an die Macht käme, würden die Menschen weiterhin mit denselben Problemen kämpfen. Enttäuschung könnte die Erwartungen rasch verdrängen und der Einschätzung Platz machen, dass sich „nichts verändert hat und alles nur schlimmer geworden ist“.

In einer solchen Lage dürfte die Erzählung, „die Mullahs hätten diese Zerstörung verursacht“, kaum großen Anklang finden. Nostalgische Reflexe würden erneut auftreten, und Aussagen darüber, wie „patriotisch“ und „national gesinnt“ die Geistlichen gewesen seien, könnten gerade in ländlichen Gebieten leicht Unterstützung finden. Deshalb erscheint es unwahrscheinlich, dass Reza Pahlavi tatsächlich regieren könnte, selbst wenn er mithilfe ausländischer Unterstützung an die Macht gelangte. Er dürfte auf weit heftigeren gesellschaftlichen und politischen Widerstand stoßen als jemals sein Vater.

Szenarien um die Pahlavi-Dynastie tauchen häufig auf, insbesondere in den Debatten der Diaspora. Berücksichtigt man jedoch die historische Erinnerung, die gesellschaftlichen Empfindlichkeiten und die ungelösten strukturellen Probleme, erscheint es unwahrscheinlich, dass Reza Pahlavi innerhalb Irans dauerhaft politische Bedeutung erlangen könnte. Nostalgische Symbole mögen ihn in der öffentlichen Debatte halten. Sollte er jemals an die Macht kommen, sähe er sich jedoch weiterhin denselben Krisen gegenüber, und die Erwartungen würden rasch in Ernüchterung umschlagen. Gegenwärtig deutet innerhalb Irans nichts auf einen Bruch hin, der das System grundlegend erschüttern könnte. Deshalb bleibt die „Pahlavi-Frage“ von der politischen Realität abgekoppelt.

Die Dynastie lebt nicht in Irans Zukunft fort, sondern in seiner Erinnerung, und Erinnerungen allein stürzen keine Regime. Wie koordiniert die Trollfabriken im Internet auch werden mögen, an dieser Realität ändert sich nichts.


Dieser Artikel erschien erstmals am 28. August 2025 in der Zeitung Daily Sabah.

Link: https://www.dailysabah.com/opinion/op-ed/pahlavi-nostalgia-a-legacy-without-future