
Das Konzept der Vorwärtsverteidigung, eines der vier zentralen Konzepte der iranischen Militärdoktrin, entstand aus den Erfahrungen des Iran-Irak-Krieges, nahm Anfang der 2000er-Jahre Gestalt an und wurde ab 2016 umfassend umgesetzt. In einer Rede von 2019 betonte der Oberste Führer Ali Chamenei, dass Iran eine proaktive Haltung einnehmen müsse, statt in der Defensive zu verharren: „Wir dürfen uns nicht zu Hause einschließen. Wir müssen es als unsere Aufgabe betrachten, festzustellen, wer sich hinter den Mauern befindet und welche Bedrohungen dort bestehen.“
Dieses Konzept wird meist mit der Strategie der Stellvertreterkräfte, den Aktivitäten der Quds-Einheit und grenzüberschreitenden Geheimdienstoperationen gleichgesetzt. Neben Aktivitäten im Cyberraum sowie im Bereich ballistischer Raketen und Drohnen nimmt darin auch die Seemacht einen wichtigen Platz ein. Für Iran, das seine logistischen Möglichkeiten entlang der Achse Libanon–Syrien inzwischen weitgehend verloren hat, haben der Persische Golf, der Golf von Oman und der nördliche Indische Ozean an Bedeutung gewonnen. Seit 2020 erscheinen in iranischen Medien mit zunehmender Häufigkeit nahezu täglich Berichte und Analysen über Schritte zur Stärkung der Seemacht und über maritime Entwicklungspläne.
Auf See wird nach Lösungen für zahlreiche Probleme gesucht: von wirtschaftlichen Schwierigkeiten über Sicherheitsfragen und die Folgen der Sanktionen bis hin zur Steigerung der geopolitischen Bedeutung des Landes. In diesem Zusammenhang wird sogar über eine Verlegung der Hauptstadt in den Süden Irans, nach Makran, diskutiert, wenn auch bislang nicht auf konkreter Ebene.
Die Netzwerke von Stellvertreterkräften, die Iran insbesondere in den umliegenden Ländern aufgebaut hat, haben durch die Ereignisse des vergangenen Jahres ihre frühere Abschreckungswirkung eingebüßt. Zwar gibt es weiterhin Gruppen mit organischen Verbindungen zu Iran, doch andere Gruppen, mit denen es zusammenarbeitet, werfen dem Land Passivität und mangelnde Verlässlichkeit vor, vor allem wegen seiner ausbleibenden Reaktion im Fall der Hisbollah.
Neben den Attentaten der vergangenen Jahre und gesellschaftlichen Ereignissen wie den Protesten um Mahsa Amini haben auch der nicht überzeugend aufgeklärte Tod des achten iranischen Präsidenten Ebrahim Raisi am 19. Mai 2024 und die kurz darauf erfolgte Ermordung des Leiters des politischen Büros der Hamas, Ismail Hanija, am 31. Juli in Teheran Iran dazu veranlasst, sich stärker auf Fragen der inneren Sicherheit zu konzentrieren und in bestimmten Bereichen eine flexiblere Politik zu verfolgen.
Auch die kleineren und größeren Manöver, die in den vergangenen Monaten fast jede Woche ein- oder mehrmals stattfanden, zeigen, wie ausgeprägt Irans Bedrohungswahrnehmung ist. Dagegen lassen, wie bereits erwähnt, die Erklärungen offizieller Stellen und die Schwerpunkte der Medienberichterstattung insgesamt erkennen, dass der Fokus auf gesellschaftlichen Problemen im Inneren liegt. Bis zum Tod Ebrahim Raisis standen Entwicklungsfragen in der Berichterstattung hinter regionalen Ereignissen zurück, während Erklärungen und Nachrichten den Aktivitäten der „Widerstandsfront“ viel Raum gaben.
Irans Niederlage in Syrien bedeutete für das Land einen tiefen Einschnitt. Nach dem 8. Dezember trat rasch eine neosafawidische Rhetorik in den Vordergrund, und die iranische Presse begann, zwischen anatolischen und iranischen Türken zu unterscheiden. Damit sollten die Identitätsunterschiede zwischen den Türken in der Türkei und denen in Iran hervorgehoben werden. Mit Erzählungen, die die Schlacht von Tschaldiran mit Kerbela verglichen, wurde versucht, dem wachsenden Einfluss der Türkei eine identitätspolitische Schranke entgegenzusetzen. Insbesondere in der Sprache der Berichterstattung wurde zunehmend auf die historischen Beziehungen der „anatolischen Türken“ zu Syrien verwiesen. In zahlreichen Texten hieß es, diese Beziehungen seien sehr komplex und problematisch gewesen.
Iran nahm intensive diplomatische Kontakte mit allen Ländern der Region auf und wandte sich Schritten zu, die die Zusammenarbeit mit den Nachbarn stärken sollten. Am 17. Januar unterzeichnete es mit Russland ein Abkommen von strategischer Bedeutung. Es versuchte, die Probleme mit Afghanistan rasch zu lösen. Im Verhandlungsprozess mit dem Westen dominierte Flexibilität. Während die außenpolitischen Entscheidungsträger diese Schritte unternahmen, begannen andere führende Vertreter der Regierung von Massud Peseschkian im Inneren, entwicklungsorientierte Treffen abzuhalten. Die Militärführung bereitete die Streitkräfte unterdessen mit Manövern auf Ausnahmesituationen vor. Alle drei Ansätze hatten einen gemeinsamen Schwerpunkt: die Bedeutung der Südküste.
Iran verfolgt seit Langem eine Strategie des „langen Arms“ (dest-e bolend) und begann nach den Entwicklungen in Syrien, dieser Strategie größeres Gewicht zu verleihen. Die Hauptakteure dieser auf persönliche Anweisung Ayatollah Chameneis umgesetzten Strategie sind Flottillenadmiral Alireza Tangsiri, Kommandeur der Marine der Islamischen Revolutionsgarde (NEDSA), sowie Flottillenadmiral Ali Fadavi, sein Vorgänger als NEDSA-Kommandeur und heutiger stellvertretender Oberbefehlshaber der Revolutionsgarde. Ziel ist es, den Einflussbereich der iranischen Marine über den Persischen Golf hinaus auf die hohe See und die Ozeane auszudehnen.
Abbildung: Die Linie, die Iran im Rahmen seines Konzepts der Vorwärtsverteidigung ziehen möchte.

Die Strategie verfolgt mehrere Ziele. Erstens will Iran seine militärische Macht nicht nur in den eigenen Hoheitsgewässern, sondern auch auf hoher See und in den Ozeanen spürbar machen. Zweitens bereiten sich die iranischen Streitkräfte auf den schlimmsten Fall vor und stellen sich seit den Invasionen in Afghanistan und im Irak auf einen Angriff durch eine Koalition ein. Aus dieser Sorge heraus wurden zahlreiche Konzepte entwickelt, darunter die „Mosaikverteidigung“ und der „Aufbau asymmetrischer Fähigkeiten“. Aus demselben Grund führt Iran diese Aktivitäten durch, um Angriffe und Hit-and-Run-Aktionen aus Richtung des Golfs von Oman und des Indischen Ozeans zu verhindern. Drittens streben die iranischen Strategen nach der Fähigkeit, potenzielle Bedrohungen auf hoher See abzufangen und auszuschalten, bevor sie die eigenen Küsten erreichen.
Hinter dieser Strategie stehen Grundsätze wie eine harte Reaktion auf jeden Angreifer, die Ausstattung sämtlicher iranischer Küsten und des Golfs von Oman mit Verteidigungssystemen sowie die Verfolgung von Angreifern auch auf hoher See, um nötigenfalls eingreifen zu können.
Ab 2020 setzte die Marine der Revolutionsgarde den Plan einer dauerhaften Stationierung im Indischen Ozean in Gang und verstärkte ihre Patrouillen in Aden und im Roten Meer. Damit will Iran eine „grenzüberschreitende“ Seemacht auf hoher See aufbauen. Das Land betont, dass es bei Bedarf selbst an jedem Ort, an dem die US-Marine operiert, eine dauerhafte militärische Präsenz unterhalten könne.
Mit der Indienststellung von Kriegsschiffen großer Reichweite wie der Shahid Roudaki, die Hubschrauber und Raketen mitführen können, baut Iran auch seine Fähigkeiten zu überseeischen Operationen aus. Zusammengefasst erstreckt sich Irans „Strategie des langen Arms“ geografisch über ein weites Gebiet, das die Festlandtiefe des Nahen Ostens – Levante, Mesopotamien und Arabische Halbinsel – ebenso umfasst wie die bis in den Indischen Ozean reichenden Seewege.
Neben ihren militärischen Dimensionen verfolgt diese Strategie sehr unterschiedliche Ziele: den Bau von Energie- und Verkehrsverbindungen, Initiativen im Tourismus einschließlich des Gesundheitstourismus, die Gründung neuer Städte und die Besiedlung von Inseln. Um diese Ziele zu erreichen, entwickelt nahezu jedes Ministerium Pläne und Projekte. Die außenpolitischen Entscheidungsträger führen ihrerseits Gespräche mit zahlreichen Akteuren von Oman bis Indien und von China bis Russland, um die diplomatischen Voraussetzungen für die Umsetzung des Vorhabens zu schaffen.
Inzwischen befindet sich Iran in einer defensiven Position. Weil es sich mit den genannten innenpolitischen Schritten darauf konzentriert, Probleme der inneren Sicherheit zu überwinden, lenkt es die Energie und Mittel, die es für die Rückgewinnung der verlorenen Positionen in der Region aufwenden würde, in diese Bereiche. Trotz all dieser Schritte ist fraglich, ob Iran die Projekte für seine Südküste erfolgreich umsetzen kann. Denn es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass das Land ein erhebliches Problem der Regierungsführung hat. Die angestrebten Investitionen an der Südküste sind kein neues Thema. Seit mehr als zehn Jahren wird über diese Projekte gesprochen. Nach den Ereignissen in Syrien hat sich der Schwerpunkt jedoch dorthin verlagert.
Obwohl Sanktionen als einziges Hindernis für diese Projekte dargestellt werden, sind sie nicht Irans einziges Problem. Verzerrte Einstellungen gegenüber Ausländern, Rivalitäten zwischen Machtgruppen und mangelndes Vertrauen in das Justizsystem verhindern ausländische Investitionen. Es darf nicht vergessen werden, dass die Welt nicht mehr das unipolare System von vor dreißig Jahren aufweist und Iran Mitglied sowohl der BRICS als auch der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit ist. Indiens Investitionen in Tschabahar belaufen sich auf nicht mehr als einige Hundert Millionen Dollar, obwohl beide Länder den BRICS angehören. Auch diese Investitionszusage ist noch nicht vollständig umgesetzt. Gegenüber Chinas Investitionen in den Hafen Gwahar sind diese Beträge zudem sehr gering. Wegen seiner Erfahrungen mit dem Gas- und Ölfeld Farzad B und ähnlicher Fälle hält sich Indien damit zurück, kommerzielle Investitionen nach Iran zu verlagern. Anders gesagt lässt sich aufgrund früherer Erfahrungen nicht behaupten, dass indische Unternehmen Iran voll vertrauen. Auch das zunächst gemeinsam mit Indien geplante Eisenbahnprojekt nach Zahedan, bei dem Iran später erklärte, es aus eigenen Mitteln fortzuführen, konnte seit fast zehn Jahren nicht abgeschlossen werden.
Kurz gesagt erhält Iran weder von Russland noch von China oder Indien Investitionen im erhofften Umfang. Viele Projekte sind deshalb bis heute lediglich auf dem Papier geblieben. Bei Dutzenden Vorhaben wie dem Projekt zur Erweiterung der Erdgasförderung in South Pars, dem Ölterminal- und Pipelineprojekt in Dschask sowie der Eisenbahnstrecke Bandar Abbas–Buschehr war die Lage ähnlich, und schließlich zogen die Investoren ihre Investitionen zurück. Sanktionen sind daher nicht Irans einziges Problem. Industrieanlagen, die trotz absehbarer Unwirtschaftlichkeit zur Abschöpfung von Renten errichtet werden, die durch unnötige Staudämme verursachte Wasserkrise und Probleme der Steuerung des Energieverbrauchs sind nur einige von Dutzenden grundlegenden Schwierigkeiten des Landes. Die eigentliche Frage lautet daher, ob ein Wille vorhanden ist, ein derart umfangreiches Projektpaket gleichzeitig umzusetzen.
Dieser Artikel wurde erstmals am 3. April 2025 beim Zentrum für Iranstudien (İRAM) veröffentlicht.
