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Die Auswirkungen des aserbaidschanisch-armenischen Abkommens auf Iran

Oral Toğa28. August 20253 Min. Lesezeit

Das in Washington unter Vermittlung von US-Präsident Donald Trump zwischen dem aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliyev und dem armenischen Ministerpräsidenten Nikol Paschinjan unterzeichnete Abkommen läutet eine neue Phase im Südkaukasus ein. Mit diesem Dokument wurde versucht, die seit dem Zerfall der Sowjetunion chronisch gewordenen Probleme und das gegenseitige Misstrauen zwischen den Parteien umfassend einer politischen Lösung zuzuführen. Das Abkommen umfasst nicht nur die dauerhafte Sicherung der Waffenruhe, sondern auch die gegenseitige Bestätigung der Souveränität, die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen und die Belebung wirtschaftlicher und handelspolitischer Verbindungen. Insofern öffnet es die lange verschlossenen diplomatischen Kanäle zwischen den Parteien und bietet einen „strukturellen“ Rahmen für den Frieden in der Region.

Der Sangesur-Korridor

Der bemerkenswerteste Teil des Dokuments ist die Regelung zum Sangesur-Korridor, die als Trump International Route for Peace and Prosperity (TRIPP) bezeichnet wird. Demnach wird eine direkte Verkehrsverbindung zwischen Aserbaidschan und Nachitschewan geschaffen. Rechtlich soll die Strecke garantiert unter armenischer Souveränität verbleiben; die Betriebs- und Entwicklungsrechte werden jedoch für 99 Jahre an ein in den USA ansässiges Konsortium übertragen. Das Abkommen institutionalisiert damit einerseits den Normalisierungsprozess zwischen den Parteien und schafft andererseits die Voraussetzungen dafür, dass die USA zu einem dauerhaften Bestandteil der regionalen Ordnung werden.

Dieser neue Rahmen scheint eine historische Chance für die Suche nach Frieden und Stabilität im Südkaukasus eröffnet zu haben. Zugleich richtete sich der Blick auf Iran, das sich von Beginn des Prozesses an mit größtem Nachdruck gegen den Sangesur-Korridor ausgesprochen hatte; entsprechend gespannt erwartete man die iranischen Reaktionen.

Irans Reaktion

Nach dem zwölftägigen Konflikt ist in Iran sowohl innen- als auch außenpolitisch eine Tendenz zu einer gemäßigteren Politik erkennbar. In Irans Haltung zum Abkommen treten sowohl in den offiziellen Erklärungen als auch in den Debatten der persischsprachigen Presse zwei unterschiedliche Aspekte hervor. Auf offizieller Ebene erklärte Teheran, die Schaffung eines dauerhaften Friedens zwischen Aserbaidschan und Armenien grundsätzlich zu unterstützen. Das iranische Außenministerium betonte, ein Abkommen auf Grundlage der Achtung der Souveränität beider Parteien könne sich positiv auf die regionale Stabilität auswirken. Zugleich vermied Iran in seiner offiziellen Rhetorik eine durchweg konfrontative Sprache. Es erklärte, nicht grundsätzlich gegen die „Öffnung von Wegen“ zu sein; vielmehr könne eine Diversifizierung der regionalen Handels- und Verkehrsverbindungen Vorteile bringen. Allerdings müsse diese Öffnung unter uneingeschränkter Wahrung der Souveränität der betreffenden Länder und ohne Bevormundung durch externe Akteure erfolgen. Diese Haltung wurde auch während Präsident Peseschkians Besuch in Eriwan am 19. August 2025 bekräftigt: Peseschkian wiederholte seine Unterstützung für Armeniens Souveränität und betonte, man lehne eine Gestaltung der Strecke unter der Vormundschaft externer Akteure ab.

Ein Projekt zur Erdrosselung Teherans?

Die iranischen Medien und Sicherheitskreise reagierten insbesondere auf die Regelung zur Trump International Route for Peace and Prosperity mit scharfer Kritik. Konservative Zeitungen bezeichneten die Übertragung einer Strecke auf armenischem Staatsgebiet an ein in den USA ansässiges Konsortium für 99 Jahre als „Vermietung der Souveränität“ und verwiesen darauf, dass es sich um eine Strategie zur Schwächung von Irans regionaler Stellung handele. Diese Kommentare betonten, eine dauerhafte Ansiedlung der USA im Südkaukasus über den Sangesur-Korridor werde den Einfluss der NATO bis an Irans Nordgrenze tragen. TRIPP wurde somit nicht nur als wirtschaftliche Transitregelung, sondern zugleich als Instrument einer geopolitischen Einkreisung bewertet.

Reformorientierte Kreise schlugen einen ausgewogeneren Ton an, vertraten bei den grundlegenden Bedenken jedoch eine ähnliche Linie. Die auf diesen Plattformen veröffentlichten Kommentare waren vorsichtig, zugleich aber warnend formuliert. Es wurde vorgebracht, TRIPP könne Armeniens Souveränität aushöhlen und Irans Transitrolle im Nordwesten in den Hintergrund drängen. Außerdem könne Irans einzige Landverbindung nach Eurasien über Armenien durch diese Regelung ihre strategische Bedeutung verlieren. Einige Kommentare vertraten die Einschätzung, eine langfristige wirtschaftliche und sicherheitspolitische Präsenz der USA in der Region könne Irans Koordination mit Russland schwächen und die Achse Türkei-Aserbaidschan stärken. Aus diesen Gründen wurde TRIPP in der iranischen Presse zumeist als „Projekt zur geografischen Erdrosselung Teherans“ interpretiert.

Was verändert sich im Südkaukasus?

Zusammenfassend besitzt Irans Reaktion einen doppelten Bezugsrahmen: In der diplomatischen Sprache unterstützt es den Frieden, in seiner strategischen Bewertung fürchtet es eine Einkreisung. Die Umsetzung von TRIPP bedeutet für Iran nicht nur wirtschaftliche Verluste, sondern auch eine geopolitische Bedrohung. Daher ist zu erwarten, dass Teheran im weiteren Verlauf versuchen wird, alternative Transitrouten schneller voranzutreiben, die bilaterale Zusammenarbeit mit Armenien zu vertiefen und die Koordination mit Russland zu stärken. Die Ambivalenz in Irans Sicht auf dieses Abkommen ist der deutlichste Ausdruck des Spannungsverhältnisses zwischen der Friedensrhetorik und den geopolitischen Realitäten in der Region.

Das Abkommen erhebt den Anspruch, einen wichtigen Wendepunkt für den Frieden im Südkaukasus zu markieren. Durch sein Potenzial, die Feindschaft zwischen Aserbaidschan und Armenien zu verringern, stärkt es die Erwartung von Stabilität an Irans nordwestlichen Grenzen. Zugleich eröffnet die Wiederaufnahme regionaler Handels- und Verkehrsverbindungen Teheran neue Möglichkeiten, seine eigenen Infrastrukturprojekte voranzubringen. Auch wenn Irans geopolitische Bedenken nicht vollständig verschwinden, könnte es aus dem Fortschritt des Friedensprozesses indirekte Vorteile ziehen, etwa durch sinkende Sicherheitsrisiken und eine beschleunigte regionale Wirtschaftsintegration.


Dieser Artikel erschien erstmals am 28. August 2025 in Yeni Şafak.