Warum schweigt Israel in der Spannung zwischen den USA und dem Iran?


Die Spannung zwischen den USA und dem Iran hat sich mit Stand Februar 2026 zu einem Punkt entwickelt, an dem das Risiko einer militärischen Auseinandersetzung nicht mehr auszublenden ist. Während Washington Erkenntnisse darüber auswertet, dass der Iran seine nukleare und ballistische Raketenkapazität nach dem iranisch-israelischen Konflikt vom Juni 2025 wieder aufgebaut hat, gewinnt in diesem Zusammenhang die Frage an Gewicht, ob der am 6. Februar im Oman begonnene und angeblich fortzusetzende neue Verhandlungsprozess mit Teheran eine echte diplomatische Öffnung darstellt oder eine Taktik, um Zeit für militärische Vorbereitungen zu gewinnen.
Während sich dies auf der Linie Washington–Teheran abspielt, ist der Eindruck entstanden, Israel halte sich im Hintergrund oder werde dort gehalten. Tatsächlich verfolgen israelische Amtsträger, die in den ersten Tagen der am 28. Dezember 2025 im Iran begonnenen Proteste verschiedene drohende Erklärungen abgaben, das Thema seit einiger Zeit aus der Distanz. Die Frage beschränkt sich zudem nicht auf Tel Avivs Haltung zu den Protesten im Iran. Eine mögliche zweite Runde amerikanischer Militäroperationen macht Israels Rolle in diesem Prozess noch entscheidender. Eine Auswertung offener Quellen zeigt, dass Tel Avivs Schweigen weit eher eine bewusste Entscheidung als ein Rückzug ist und dass Israel hinter den Kulissen aktiv Position bezieht.
Militärischer und diplomatischer Verkehr
Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu soll bei seinem Treffen mit US-Präsident Donald Trump am 29. Dezember 2025 in Mar-a-Lago die Frage eines neuen Angriffs auf den Iran angesprochen haben. Netanjahu, der Trump Erkenntnisse vorlegte, wonach der Iran sein Programm für ballistische Raketen wieder auf das Niveau vor dem zwölftägigen Konflikt, also auf eine Kapazität von etwa 2.500 Raketen, herangeführt habe, erklärte am 5. Januar in der Knesset, Israel werde dem Iran den Wiederaufbau seiner Raketenkapazität und seines Nuklearprogramms nicht gestatten. Am selben Tag wurde berichtet, dass in Netanjahus fünfstündiger Sitzung mit dem Sicherheitskabinett Angriffsoptionen gegen den Iran erörtert worden seien. Während dies auf israelischer Seite geschah, war eine weitere auffällige Entwicklung die intensive militärische Koordinierung zwischen den USA und Israel.
In den letzten Januartagen wurde behauptet, der israelische Generalstabschef Eyal Zamir habe die Vereinigten Staaten gemeinsam mit dem Kommandeur der Luftwaffe, dem Operationschef des Militärgeheimdienstes und dem Leiter der Tevel-Einheit heimlich besucht und dort den US-Generalstabschef getroffen. Eine Woche vor diesem Besuch hatte der Leiter des israelischen Militärgeheimdienstes, Generalmajor Binder, die Vereinigten Staaten besucht.
Darüber hinaus führte Trumps Sondergesandter Steve Witkoff wenige Tage vor den Gesprächen im Oman, am 3. Februar, in Tel Aviv ein dreieinhalbstündiges Treffen mit Ministerpräsident Netanjahu und Sicherheitsvertretern. Im Anschluss ließ sich Netanjahu – in Washington, um Trump nach sechs Begegnungen binnen eines Jahres zum siebten Mal zu treffen – von Witkoff und Jared Kushner über die Gespräche mit dem Iran unterrichten.
Während der Prozess diesen Verlauf nahm, fasst die Erklärung des US-Botschafters in Israel, Michael Dale Huckabee, vom 2. Februar das Ausmaß der amerikanisch-israelischen Koordinierung zusammen. Huckabee sagte, es sei „undenkbar“, dass ein Angriff auf den Iran ohne Abstimmung mit Israel erfolge. In Netanjahus Delegation vom 11. Februar sollte auch Brigadegeneral Omer Tischler, der künftige Kommandeur der israelischen Luftwaffe, aufgenommen werden; davon wurde jedoch im letzten Moment aus Sorge Abstand genommen, dies würde „den Eindruck erwecken, es würden Kriegsvorbereitungen getroffen“. Schon der Rückzieher zeigt, welch operative Dimension das Treffen besaß.
Was ist Israels eigentliche Sorge?
Israels grundlegende Sorge gilt weniger der Frage, ob die USA den Iran angreifen werden, als der Möglichkeit, dass sich die Trump-Regierung auf ein Abkommen zubewegt, das lediglich das Nuklearprogramm einfriert, die ballistische Raketenkapazität und das Stellvertreternetz aber außerhalb der Vereinbarung belässt. Israel zufolge hat der Iran eine Produktionskapazität von bis zu 300 Raketen pro Monat erreicht, was zu einer raschen Erosion der im Konflikt vom Juni 2025 erzielten Gewinne führt.
Dass Netanjahu seinen Washington-Besuch um eine Woche vorzog, vom 18. auf den 11. Februar, zeigt das Ausmaß dieser Sorge. Auch die Einschätzung, die Netanjahus früherer Berater Mitchell Barak gegenüber Al Jazeera abgab, ist ein weiterer Ausdruck davon. Barak zufolge könnte Trump statt eines Angriffs auf den Iran ein Abkommen anstreben, das ihn als „Friedensstifter“ erscheinen lässt.
Die Erklärungen nach dem Treffen vom 11. Februar zeigten, dass diese Sorgen aus Sicht Tel Avivs nicht unbegründet sind. Aus israelischer Perspektive ist das „Dahinschmelzen“ der im Juni 2025 erzielten militärischen Gewinne am Verhandlungstisch ein erhebliches Risiko. Im Ergebnis scheint Trump entschlossen, den Verhandlungstisch nicht zu verlassen. Netanjahu wiederum gab keine öffentliche Erklärung ab und brachte sein Unbehagen damit indirekt zum Ausdruck. Inwieweit dieses Bild eine tatsächliche Uneinigkeit widerspiegelt und inwieweit es eine kalkulierte Rollenverteilung ist, steht auf einem anderen Blatt.
Wohin entwickelt sich der Prozess?
Israels Vorbereitungen hinter den Kulissen sind als operative Positionierung im Hinblick auf eine bevorstehende Auseinandersetzung zu lesen. Die Einschätzungen westlicher Denkfabriken stützen dieses Bild weitgehend. Danach war der Waffenstillstand vom Juni 2025 nicht mehr als eine taktische Pause und keine dauerhafte Wende, und es ist sehr wahrscheinlich, dass die nächste Auseinandersetzung größer ausfällt als die vorige.
Dass 2026 in Israel ein Wahljahr ist, ist ein zusätzlicher Faktor, der Netanjahu zu einer harten Linie gegenüber dem Iran drängt. Zwar wäre ein Abkommen der einzige Weg, auf dem Israel die Gewinne der Operation „Aufsteigender Löwe“ bewahren könnte, doch ist die Wahrscheinlichkeit eines solchen Abkommens unter den gegenwärtigen Bedingungen gering. Dass der Iran seine Bestände an angereichertem Uran behält und keine IAEO-Inspektoren vor Ort sind, macht nachrichtendienstlich gestützte Einschätzungen unsicher. Diese Unsicherheit wiederum stärkt Israels Neigung zu einem präventiven Schritt statt zu einer Abwarte-Strategie.
Insgesamt betrachtet wirkt die Haltung, die Israel seit Anfang 2026 einnimmt, weniger wie „Schweigen“ als wie eine bewusst aufrechterhaltene, vielschichtige Strategie der Mehrdeutigkeit. Innerhalb dieser Mehrdeutigkeit verfolgt Tel Aviv eine vierteilige Agenda: (i) durch den Verzicht auf sichtbare direkte Beteiligung an den Protesten im Iran das Anwachsen des Drucks auf das Regime von innen zu fördern; (ii) sich auf mögliche militärische Operationen einer „zweiten Runde“ vorzubereiten; (iii) Washington dazu zu drängen, die Frage der ballistischen Raketen nicht aus dem Verhandlungsrahmen herauszuschieben; und (iv) sich gegen die Möglichkeit zu positionieren, dass Trump auf ein eng gefasstes Abkommen zusteuert, das Israels rote Linien nicht in den Mittelpunkt stellt.
Das Treffen zwischen Trump und Netanjahu am 11. Februar hat diese Mehrdeutigkeit weiter vertieft. Während Trump auf Verhandlungen beharrt, wird vor Ort eine zunehmend ausgedehnte militärische Konzentration aufgebaut, und Israel liefert weiterhin deren nachrichtendienstliche Infrastruktur. Mehr noch: Israel unternimmt seine kritischsten Schritte nicht im sichtbaren Raum, sondern über geschlossene Diplomatie und Sicherheitsmechanismen. Dass Trumps Beharren auf Verhandlungen und der Aufwuchs vor Ort gleichzeitig voranschreiten, stärkt die Möglichkeit, dass die sichtbare Uneinigkeit zwischen Washington und Tel Aviv eine kontrollierte Rollenverteilung ist.
Dieser Artikel erschien erstmals am 17. Februar 2026 bei IRAM.




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