
Am 13. Juni 2025 begann Israel eine groß angelegte Luftoperation in ganz Iran, die nicht nur Nuklearanlagen, sondern auch interne Kontrollmechanismen und strategische Infrastruktur ins Visier nahm. Dieser Angriff an mehreren Fronten sollte die Regierungs- und Reaktionsfähigkeit des Regimes ausschalten und damit den Boden für umfassendere Instabilität bereiten. Es wäre ein Fehler, diese zwölf Tage isoliert zu betrachten. Israel und die USA haben die Grundlagen für diese Angriffe seit 2018 Stein für Stein gelegt. Die Tötung von General Qassem Soleimani, die Ermordung des Nuklearwissenschaftlers Mohsen Fachrisadeh einschließlich der dabei verwendeten Methode sowie die Verschärfung der Wirtschaftssanktionen sind allesamt Schritte auf diesem Weg. Den Kopf des Oktopus unter Druck zu setzen, während man seine Arme ausschaltet, und schließlich den Kopf direkt anzugreifen, ist nicht das Ergebnis der Planung eines einzigen Jahres.
War der Angriff eine Überraschung?
Israel nutzte die Zeit nach den Angriffen vom 7. Oktober, um seinen Feldzug gegen Irans Stellvertreterkräfte zu verschärfen. Während es gegen die Hamas vorging, die Hisbollah angriff und die Huthi ins Visier nahm, verlagerte Israel seinen Schwerpunkt stetig auf Iran. Diese Entwicklungen machten deutlich, dass Iran das letztliche Ziel war. Nach dem verdächtigen Tod des iranischen Präsidenten Ebrahim Raisi begann Teheran, seine innere Front zu stärken. Die Rückkehr zuvor an den Rand gedrängter Politiker, die plötzliche Flexibilität der Regierung und verstärkte Luftverteidigungsübungen signalisierten, dass die iranische Führung mit schweren Bedrohungen rechnete. Etwa zu der Zeit, als Israel die Hisbollah anzugreifen begann, berichteten israelische Medien unter Berufung auf Militärquellen, die Operationspläne gegen Iran seien fertig. Berichten zufolge war ein hybrides Modell entwickelt worden, ähnlich dem im Libanon angewandten, das Sabotage, gezielte Tötungen und Luftangriffe kombinierte.
Zwei zentrale Entwicklungen trugen dazu bei, all diese militärischen Aktivitäten vor Ort zu verdecken. Die erste war der US-Präsidentschaftswahlkampf. Vom Rückzug des früheren US-Präsidenten Joe Biden aus dem Rennen bis zum Attentatsversuch auf Präsident Donald Trump waren die internationalen Medien so sehr von der amerikanischen Politik eingenommen, dass kaum jemand die langfristigen strategischen Ziele hinter Israels Handlungen hinterfragte. Die Berichterstattung über die Gefechte konzentrierte sich weiterhin auf die unmittelbaren Entwicklungen. Dabei erklärten israelische politische Eliten, darunter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu selbst, wiederholt, welches Ziel sie letztlich verfolgten.
Der zweite Faktor, der die Richtung der Ereignisse verdeckte, war Trumps äußerst unkonventionelle Amtsführung. Der Ton seiner öffentlichen Äußerungen und sein Auftreten bei Treffen mit Staats- und Regierungschefs im Weißen Haus erhielten mehr Aufmerksamkeit als der eigentliche Gehalt der Ereignisse. Tatsächlich hatten die USA jedoch seit den ersten Monaten des Jahres 2025 militärische Kräfte im Nahen Osten zusammengezogen.
Etwa zur selben Zeit erklärte Israels neu ernannter Generalstabschef Ejal Zamir bereits in seinen ersten Äußerungen, „2025 wird ein Jahr des Krieges gegen Gaza und Iran sein“. Gleichzeitig erörterten israelische Medien und Berichte internationaler Denkfabriken offen Szenarien iranischer Vergeltung im Falle eines israelischen Angriffs.
CENTCOM-Kommandeur Michael Kurilla besuchte wiederholt Tel Aviv, Berichten zufolge wegen „dringender“ Angelegenheiten. Bemerkenswert ist: Am 24. April besuchte er Tel Aviv zum zweiten Mal innerhalb eines Monats, um über Iran zu sprechen; nur zwei Tage später ereignete sich eine gewaltige Explosion in Bandar Abbas. Im darauffolgenden Monat ereignete sich eine Reihe von Sabotagefällen, genau wie es israelische Medien im Herbst zuvor vorhergesagt hatten. Auf iranischer Seite wurde eine Reihe militärischer Übungen abgehalten. Das Land versuchte, seine Luftverteidigung zu stärken, und hochrangige Amtsträger inspizierten verschiedene Einheiten und Institutionen.
Während sich all dies abspielte, blieb die globale Öffentlichkeit jedoch weitgehend im Unklaren über die Aktivitäten vor Ort. Über die strategischen Ziele hinter den Ereignissen wurde kaum diskutiert. Stattdessen richtete sich die Aufmerksamkeit ausschließlich auf die laufenden Verhandlungen mit Iran und Trumps ständig wechselnde Rhetorik. Nur wenige Stimmen brachten die Möglichkeit zur Sprache, dass der gesamte Prozess Teil einer größeren Täuschungsstrategie sein könnte.
Hinter den Kulissen
Unmittelbar vor Beginn der Kämpfe verkündete Iran öffentlich, einen nachrichtendienstlichen Durchbruch gegen Israel erzielt zu haben. Dieser „Erfolg“ war höchstwahrscheinlich das Ergebnis strategischer Täuschung, genauer gesagt einer vom israelischen Geheimdienst inszenierten Operation mit kontrollierter Weitergabe von Informationen. In den Tagen vor dem Konflikt gaben hochrangige Kommandeure der Revolutionsgarde wiederholt vollmundige und trotzige Erklärungen ab. Sie beharrten darauf, dass Irans Luftverteidigung stark sei und jeden Feind verheerende Folgen erwarteten.
Doch während Iran Berichten zufolge einen neuen Verhandlungsvorschlag vorbereitete, begann plötzlich die israelische Operation. In einer einzigen Nacht wurden zahlreiche Schlüsselfiguren, darunter Angehörige der Führungsebene, gezielt getötet. Diese Entwicklung entsprach weitgehend dem, was israelische Medien und Briefings von Denkfabriken veröffentlicht hatten: dem Beginn der zweiten Angriffsphase mit Schwerpunkt auf gezielten Tötungen. Die Täuschungsstrategie schien funktioniert zu haben.
Während der gesamten Operation „Rising Lion“ konzentrierte sich der öffentliche Diskurs überwiegend auf nukleare Ziele. Diese gehörten selbstverständlich zu Israels zentralen Zielsetzungen. Ihre herausgehobene Stellung diente jedoch auch dazu, andere Prioritäten zu verdecken, und bildete damit faktisch eine weitere Ebene strategischer Verschleierung. Tatsächlich zählten die Zerstörung von Raketenstartplattformen und die Angriffe im Rahmen einer angestrebten innenpolitischen Umgestaltung Irans zu den folgenreichsten Entwicklungen dieser Phase.
Zwölf Tage lang nahm Israel systematisch Irans innere Sicherheitsarchitektur ins Visier. Es griff kritische Infrastruktur an, um den gesellschaftlichen Druck zu verstärken und Irans Fähigkeit zu schwächen, auf künftige Angriffe zu reagieren. Das vorherrschende Narrativ blieb jedoch auf Nuklearanlagen konzentriert, sodass andere Dimensionen der Operation weitgehend ununtersucht blieben. Die nuklearen Fähigkeiten wurden zwar geschädigt, aber nicht vollständig beseitigt. Tatsächlich könnten die Angriffe Irans Entschlossenheit, Atomwaffen anzustreben, noch verstärkt haben. Israels Operation könnte sich letztlich als strategische Fehlkalkulation erweisen. Anlagen zu beschädigen oder Wissenschaftler zu töten, garantiert weder langfristige Abschreckung noch eine Destabilisierung des Regimes.
Ist dies eine echte Waffenruhe?
Es ist kein Geheimnis, dass die Operation „Rising Lion“ letztlich einen Regimewechsel in Iran herbeiführen sollte. Das zentrale Ziel Israels und möglicherweise auch der USA bestand nicht darin, einzelne Bedrohungen wie Stellvertreterkräfte, Raketenfähigkeiten oder das Nuklearprogramm nacheinander abzubauen. Stattdessen wollten sie die Grundlage angreifen, auf der all diese Bedrohungen aufgebaut worden waren, und das System selbst beseitigen.
Keines dieser Ziele wurde jedoch während der zwölf Konflikttage vollständig erreicht. Ohne den ideologischen Rahmen der Islamischen Republik zu beseitigen, lässt sich Irans Stellvertreteraktivität in der Region nicht beenden. Solange das Regime besteht, wird es seine Stellvertreter weiterhin finanziell und ideologisch unterstützen. Wie bereits erwähnt, dürften Luftangriffe und gezielte Tötungen allein auch den Fortschritt des Nuklearprogramms nicht vollständig aufhalten. Dasselbe gilt für Irans Raketenfähigkeiten. All diese Kapazitäten haben zwar schwere Schäden erlitten, doch es wäre schwierig zu behaupten, sie seien vollständig neutralisiert worden.
Warum änderte Donald Trump, der noch wenige Tage zuvor einen Regimewechsel gefordert hatte, plötzlich seinen Ton, äußerte Unzufriedenheit mit Israel und begann, auf eine Waffenruhe zu „drängen“? Die USA, die Irans Nuklearanlagen angegriffen und Dutzende, wenn nicht Hunderte Flugzeuge in die Region verlegt hatten, stellten sich nun als Vermittler dar. Trump präsentierte sich als friedensorientierter Staatschef und forderte unmittelbar nach den Angriffen eine Deeskalation. Damit konnte er wachsender Kritik sowohl in der amerikanischen Öffentlichkeit als auch in der internationalen Gemeinschaft zuvorkommen.
Als Reaktion auf Irans Vergeltungsschläge behauptete Trump, „sie haben uns vorher gewarnt“, und neutralisierte damit praktisch jede psychologische Wirkung. Mit der Haltung, Israel zu „maßregeln“, wollte er die Welt davon überzeugen, dass er den Krieg tatsächlich beenden wolle. Schließlich würde das Bild eines „kriegstreiberischen Präsidenten“ Trumps Wahlversprechen unmittelbar widersprechen. Zugleich wäre es jedoch unzutreffend zu behaupten, seine Worte stünden im Widerspruch zu seinen früheren Aussagen über Israels Sicherheit und Iran
Wahrscheinlich wurde tatsächlich bewusst eine Strategie der Unterbrechung des Operationstempos umgesetzt, die der Gegenseite die Initiative entziehen sollte. Erstmals wurden bestimmte iranische Raketen, die zuvor nur bei Übungen zu sehen gewesen waren, im tatsächlichen Kampf abgefeuert und getestet. Dies lieferte den Gegnern wertvolle Daten über diese Systeme und erlaubte ihnen, Irans tatsächliche Fähigkeiten zu bewerten und ihre eigenen Positionen entsprechend neu auszurichten.
All dies geschah zudem möglicherweise im Rahmen einer umfassenderen Strategie gestaffelter Täuschung. Das eigentliche Ziel ist hier die Islamische Republik Iran selbst, und ein solches Ziel lässt sich nur durch die volle Wucht amerikanischer Luftmacht lähmen. Dafür muss der Angriff jedoch rasch und entscheidend erfolgen. Die USA haben nicht nur kein einziges Flugzeug aus der Region abgezogen, sondern ihre militärische Präsenz rund um Iran sogar erheblich verstärkt. Entscheidend bleibt dennoch, dass diese Aufstellung nicht offen aggressiv erscheint und eine mögliche Operation schnell und ohne Eskalation durchgeführt wird.
In diesem Sinne lässt sich Israels zwölftägiger Angriff als vorbereitender Schritt betrachten, der den Weg für einen größeren, entscheidenderen Schlag ebnen sollte. Da US-Streitkräfte weiterhin in großer Stärke in der Region stationiert sind, ist es verfrüht, von einer echten Waffenruhe zu sprechen. Seit ihrer Verkündung wurden Angriffe auf iranische Ziele beinahe täglich fortgesetzt.
Zusammenfassend geschah nichts von dem, was sich in diesen zwölf Tagen ereignete, über Nacht. Jede Entwicklung war das Ergebnis eines langjährigen Konflikts und einer schrittweisen Strategie, die sich seit Jahren entfaltete. Es wäre naiv anzunehmen, der Konflikt sei nun beendet. Möglicherweise werden wir eine Zeit lang keine israelischen Kampfflugzeuge mit derselben Intensität am iranischen Himmel sehen. Klar ist jedoch, dass Israel dieses Kapitel nicht abgeschlossen hat. Berücksichtigt man zudem, dass die USA nicht als neutraler Vermittler, sondern als direkter Beteiligter an den jüngsten Angriffen auftraten, wird deutlich, dass die gegenwärtige Stille kein Ergebnis des Friedens ist, sondern eine taktische Pause für strategische Zwecke. Mit anderen Worten: Wir erleben derzeit nicht die Ruhe des Friedens, sondern die Stille vor einem größeren Sturm.
Dieser Artikel erschien erstmals am 8. Juli 2025 in der Zeitung Daily Sabah.
Link: https://www.dailysabah.com/opinion/op-ed/the-12-day-conflict-is-over-what-is-next-for-iran
