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Von der Rebellion zur Regionalmacht: Die Huthi

Oral Toğa28. Juli 20256 Min. Lesezeit

Die Huthi, seltener als Ansarullah-Bewegung bezeichnet, sind ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie sich ein lokaler Aufstand im Norden Jemens zu einem regionalen geopolitischen Akteur entwickelte. Die in einer zaiditisch-schiitischen Identität verwurzelte Gruppe begann in den frühen 2000er-Jahren einen bewaffneten Widerstand gegen die Zentralregierung, nahm 2014 die Hauptstadt ein und rückte 2023 durch direkte Angriffe auf Israel und die Vereinigten Staaten auf die internationale Agenda.

Der Aufstieg der Bewegung liegt an der Schnittstelle zwischen Irans regionaler Stellvertreterstrategie und der von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten geprägten Sicherheitsarchitektur der Golfstaaten. Die Huthi sind somit sowohl das Ergebnis lokaler gesellschaftspolitischer Dynamiken als auch äußerer geopolitischer Instrumentalisierung. Sie sind weder völlig autonom noch vollständig von äußeren Mächten gesteuert. Vielmehr stellen sie ein hybrides politisches Gebilde dar, das durch eine Kombination innerer Erfordernisse und regionaler Verflechtungen geprägt wird.

Wer sind die Huthi?

Die Huthi-Bewegung entstand im nordjemenitischen Gouvernement Saada und wurde durch die langjährige Marginalisierung der zaiditisch-schiitischen Bevölkerung geprägt. Das Zaiditentum ist ein im achten Jahrhundert entstandener Zweig des schiitischen Islam, der sich in seiner Lehre von der in Iran vorherrschenden Zwölferschia unterscheidet. Anders als das iranische Modell vertritt das Zaiditentum weder die Lehre von unfehlbaren Imamen noch das Konzept einer absoluten geistlichen Autorität. Es betont politischen Aktivismus und eine stärker dezentralisierte religiöse Struktur, wodurch es sich leichter an lokale politische Bedingungen anpassen lässt.

Was in den 1990er-Jahren als kulturelle und religiöse Erweckungsbewegung namens „Die gläubige Jugend“ begann, entwickelte sich bis 2004 zu einem bewaffneten Aufstand. Diesen Wandel trieben sowohl innere theologische Bruchlinien als auch die destabilisierenden Auswirkungen der Zentralisierungspolitik auf Jemens Stammesordnung voran. Die politische Identität der Bewegung entwickelte sich entlang dreier Hauptlinien: konfessionelle Zugehörigkeit, die Forderung nach lokaler Autonomie und die Ablehnung ausländischer Einmischung. In diesem Zusammenhang diente das Zaiditentum nicht nur als religiöse Grundlage, sondern auch als Quelle politischer Legitimität.

Nach der Einnahme der Hauptstadt Sanaa 2014 übernahmen die Huthi die administrative Kontrolle über grundlegende Staatsfunktionen. Sicherheit, Besteuerung, Justiz und Bildung wurden ihrer Autorität unterstellt. Heute üben die Huthi in weiten Teilen der bevölkerungsreichsten Gebiete Jemens de facto die Macht aus. Statt eine herkömmliche Aufstandsbewegung zu bleiben, haben sie nach und nach die Merkmale eines bewaffneten politischen Gebildes mit greifbaren Fähigkeiten zur Regierungsführung und Staatsbildung angenommen.

Der ideologische Rahmen der Huthi entstand durch einen politischen Konstruktionsprozess, der über die Grenzen der traditionellen zaiditischen Lehre hinausgeht. Die Huthi deuteten dieses Erbe aus einer revolutionären Perspektive neu, verbanden es mit dem an Iran orientierten schiitischen Widerstandsdiskurs und schufen so eine hybride ideologische Struktur.

Drei Kernbegriffe bilden das Rückgrat der Weltsicht der Bewegung: Unabhängigkeit (istiqlāl), Souveränität (siyāda) und Gerechtigkeit (ʿadāla). Diese Ideen begründen die Forderungen nach der Beseitigung ausländischen Einflusses in Jemen, einer Kampagne gegen Korruption und der Wiederherstellung wirksamer politischer Repräsentation. Die Huthi präsentieren sich nicht bloß als religiöse Kraft, sondern als eine Bewegung, die sich politischen und sozioökonomischen Reformen verschrieben hat. Politisch will die Gruppe eine Alternative zum Zentralstaat darstellen. Auf der von den Vereinten Nationen geleiteten Nationalen Dialogkonferenz lehnten die Huthi Vorschläge für ein föderales System ab. Sie argumentierten, die Aufteilung Jemens in sechs Regionen werde die zaiditische Bevölkerung im Norden weiter marginalisieren.

Nach 2015 begann die Bewegung, ihre Positionen selbstbewusster zu formulieren. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate wurden nicht mehr lediglich als externe Akteure dargestellt, sondern als Kräfte, die Jemens innere Souveränität aktiv untergraben. Als Reaktion bemühten sich die Huthi darum, ihr Regierungsmodell als Mittel zur Wiederherstellung der nationalen Würde zu legitimieren. Das politische Projekt der Huthi entspricht keinem herkömmlichen Streben nach einer konfessionellen Theokratie. Vielmehr vertritt es ein alternatives Modell, das bewaffneten Widerstand, soziale Gleichheit, kollektive Souveränität gegenüber ausländischer Einmischung und den Anspruch einer moralischen Regierungsführung miteinander verbindet.

Wie ist ihr Verhältnis zu Iran?

Die Beziehung zwischen Iran und den Huthi wird häufig im Paradigma des „Stellvertreterkriegs“ beschrieben. Diese Einordnung ist jedoch sowohl begrifflich unzureichend als auch empirisch ungenügend. Irans Unterstützung hat die technischen und militärischen Fähigkeiten der Huthi zwar erheblich verbessert, sie aber nicht zu einem vollständig steuerbaren Instrument gemacht. Statt einer klassischen Stellvertreterbeziehung spiegeln ihre Verbindungen eine Form strategischer Konvergenz wider, die von asymmetrischen, aber komplementären Interessen geprägt ist.

Iran leistet den Huthi direkte militärische Unterstützung. Seit 2015 weist das Auftauchen ballistischer Burkan-1-Raketen, Quds-Marschflugkörper und Drohnen der Samad-Reihe in den Arsenalen der Huthi auf eindeutige technologische Verbindungen zu iranischen Systemen hin. Diese Waffen wurden nicht nur im jemenitischen Bürgerkrieg eingesetzt, sondern auch bei Fernangriffen auf Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate sowie bei maritimen Operationen im Roten Meer. Irans Motivation, diese Fähigkeiten zu ermöglichen, liegt in seinem Ziel, dauerhaft Druck auf Saudi-Arabiens Südgrenze auszuüben und der Sicherheitsarchitektur am Golf höhere Kosten aufzuerlegen.

Ebenso wichtig wie das Ausmaß der militärischen Hilfe ist das Maß des ausgeübten Einflusses. Anders als andere von Iran unterstützte Gruppen wie die Hisbollah oder die Volksmobilisierungskräfte (PMF) behalten die Huthi bei politischen Entscheidungen erhebliche Autonomie. So wurde die Entscheidung zur Einnahme Sanaas 2014 nicht mit iranischer Unterstützung angestoßen, obwohl Teheran das Ergebnis nachträglich akzeptierte. Ebenso waren die Raketen- und Drohnenangriffe der Huthi auf Israel nach dem Gazakrieg von 2023 nicht eng mit Iran abgestimmt, sondern scheinen eigenen strategischen Kalkulationen gefolgt zu sein.

Auf ideologischer Ebene überschneiden sich zwar die rhetorischen Räume beider Akteure, ihre politisch-theologischen Grundlagen sind jedoch nicht identisch. Irans politisches Modell beruht auf der Doktrin der „Velayat-e Faqih“ und funktioniert als zentralisierte theokratische Republik. Die Huthi haben dieses Modell dagegen nicht nach Jemen importiert. Stattdessen haben sie die traditionelle zaiditische Lehre pragmatisch an ein revolutionäres Narrativ angepasst, ohne eine geistliche Hierarchie oder das Konzept absoluter religiöser Autorität zu übernehmen.

Was die Beziehung zwischen Iran und den Huthi besonders macht, ist die gegenseitige Instrumentalisierung. Iran sieht die Huthi nicht nur als Stellvertreterkraft, sondern als strategischen Knotenpunkt, um das Narrativ der „Achse des Widerstands“ auf die Arabische Halbinsel zu tragen. Umgekehrt betrachten die Huthi Iran nicht nur als Quelle materieller Unterstützung, sondern auch als Bezugspunkt für die Gewinnung von Legitimität in Opposition zur globalen Ordnung. Die Beziehung zwischen Iran und den Huthi ist somit keine einseitige Kontrolle, sondern eine vielschichtige Partnerschaft, die sowohl Annäherungen als auch Spannungen kennt. Iranische Unterstützung ist nicht die Grundlage der Existenz der Huthi, verstärkt aber ihre regionale Wirkung.

Angriffe auf die USA und Israel

Die direkten Angriffe der Huthi auf Israel und die USA nach 2023 markierten einen bedeutenden Wandel. Die Bewegung positionierte sich damit nicht nur als innenpolitischer Akteur in Jemen, sondern auch als relevante Kraft in regionalen und globalen Sicherheitsstrukturen. Diese Angriffe werden zwar häufig aus der Perspektive ideologischer Radikalität oder iranischen Einflusses interpretiert; treffender lassen sie sich jedoch als Teil der vielschichtigen strategischen Kalkulation der Huthi verstehen.

Die Angriffe auf Israel lassen sich nicht allein durch religiöse oder moralische Reflexe erklären. Nach Beginn des Gazakriegs am 7. Oktober 2023 schossen die Huthi ballistische Raketen und Drohnen auf israelische Ziele ab. Diese Aktionen dienten zwei Zwecken: der Stärkung ihrer Stellung innerhalb der sogenannten Achse des Widerstands und der Erhöhung ihrer Legitimität in der arabischen Öffentlichkeit. Die Bewegung wollte mit diesen Operationen nicht nur Solidarität mit den Palästinensern demonstrieren, sondern sich auch als einziger arabischer Akteur darstellen, der zu wirksamem militärischem Handeln fähig ist.

Die Angriffe auf die USA beruhten dagegen auf einer direkteren strategischen Logik. Die entscheidende Rolle amerikanischer Logistik, Munition und Geheimdienstinformationen bei der von Saudi-Arabien geführten Intervention in Jemen machte die USA in den Augen der Huthi faktisch zur Konfliktpartei. Ihre Operationen gegen amerikanische Kriegsschiffe im Roten Meer sollten nicht nur Abschreckung signalisieren, sondern auch ihre technologischen und operativen Fähigkeiten demonstrieren.

Eine der wichtigsten Funktionen dieser Angriffe besteht darin, die Fähigkeit der Huthi zu zeigen, Instrumente asymmetrischer Kriegführung als Verhandlungsmittel in regionalen strategischen Gesprächen einzusetzen. Die Störung der Handelsschifffahrt im Roten Meer ist nicht bloß ein aggressiver Akt; sie dient auch dazu, wirtschaftlichen und diplomatischen Druck auf Gegner auszuüben. Diese Strategie zeigt jedoch zugleich ihre Grenzen. Israels Ankündigung, die oberste Huthi-Führung direkt anzugreifen, die groß angelegten US-Luftangriffe auf die Infrastruktur der Huthi und die Bildung internationaler Marinekoalitionen haben begonnen, ihren Handlungsspielraum einzuengen.

Jemen unter den Huthi

Die Huthi gingen aus den inneren Bruchlinien der jemenitischen Politik hervor, entwickelten sich mit der Zeit aber zu einer zentralen Kraft innerhalb der umfassenderen regionalen Sicherheitsarchitektur. Die Ansarullah-Bewegung ist inzwischen ein wichtiger Fall, um zu verstehen, wie sich nichtstaatliche Akteure im Nahen Osten zu Gebilden wandeln, die sowohl zur inneren Institutionalisierung als auch zur äußeren militärischen Machtprojektion fähig sind. Die Beziehung der Gruppe zu Iran wirkte dabei sowohl beschleunigend als auch begrenzend. Ohne iranische Unterstützung hätten die Huthi vermutlich keine derart starke militärische und technologische Kapazität entwickeln können; diese Unterstützung hat jedoch nicht zu vollständiger Kontrolle geführt. Die Huthi handeln in strategischer Übereinstimmung mit Iran, behalten aber ihre eigenen Prioritäten und autonomen Entscheidungsstrukturen bei.

Die Angriffe auf Israel und die USA haben die regionale Sichtbarkeit der Gruppe erhöht und die Huthi in die entstehende Sicherheitsordnung vom östlichen Mittelmeer bis zum Roten Meer eingebunden. Heute hat Ansarullah den Rahmen der lokalen jemenitischen Politik hinter sich gelassen und ist zu einem hybriden Akteur mit staatsähnlichen Eigenschaften geworden. Die Bewegung fordert nicht nur den Status quo innerhalb Jemens, sondern die regionale Ordnung insgesamt heraus.


Dieser Artikel erschien erstmals am 2. Juni 2025 in der Zeitung Daily Sabah.

Link: https://www.dailysabah.com/opinion/op-ed/from-rebellion-to-regional-power-the-houthis