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Die Stellung der iranischen Geheimdienste während und nach dem zwölftägigen Konflikt

Oral Toğa8. August 20254 Min. Lesezeit

Israels am 13. Juni 2025 eingeleitete präzisionsgelenkte Luftoperationen gegen Nuklearanlagen, ballistische Raketensysteme und Führungszentren in Iran zeigten, dass der langjährige Stellvertreterkonflikt zwischen beiden Ländern in einen direkten konventionellen Krieg übergegangen war.

Die Tötung von General Mohammad Kazemi, dem Leiter des Geheimdienstes der Revolutionsgarde, seines Stellvertreters Hassan Mohaghegh und von Brigadegeneral Gholamreza Mehrabi, dem stellvertretenden Leiter des Nachrichtendienstes des Generalstabs, bei den Operationen machte deutlich, dass Israel eine auf Geheimdienstinformationen gestützte „Enthauptungsstrategie“ (decapitation) verfolgte. Diese Strategie zielte nicht nur auf die militärische Infrastruktur, sondern sollte Irans strategische Entscheidungsmechanismen und seine nationale Sicherheitsarchitektur systematisch zum Einsturz bringen.

Dass sich die Angriffe über ihre kinetische Dimension hinaus zu einem vielschichtigen Geheimdienstkrieg entwickelten, belegte erneut die entscheidende Rolle der Informations- und Analyseüberlegenheit in modernen Konflikten. Dieser Beitrag untersucht auf der Ebene des Zusammenspiels der Institutionen, wie sich der iranische Geheimdienstapparat im Konflikt vom Juni 2025 positionierte, welche operativen Reaktionsmuster er entwickelte und welchen Umstrukturierungsprozess er nach dem Konflikt durchlief.

Dass der iranische Geheimdienstapparat weder den Zeitpunkt des Angriffs noch dessen gegen hochrangiges Personal gerichtetes operatives Profil vorhersehen konnte, legte die strukturellen Schwächen der Sicherheitsbürokratie offen. Weil Iran seine nachrichtendienstlichen Prioritäten auf innere Bedrohungen ausgerichtet hatte, war es auf asymmetrische Angriffe von außen nicht vorbereitet. Dieser Ansatz, der den operativen Fähigkeiten externer Akteure in der Bedrohungswahrnehmung nicht genügend Raum gab, führte zu einer falschen Berechnung der Abschreckungsschwelle. Die mangelnde Koordination der Geheimdienste und die Konkurrenz zwischen den Institutionen trugen entscheidend dazu bei, dass die Frühwarnsysteme versagten. Diese strategische Blindheit offenbarte das Scheitern einer iranischen Geheimdienstdoktrin, die zwischen regionaler Machtprojektion und innenpolitischer Sicherheitsparanoia gefangen war.

Nach Beginn des Konflikts mussten die iranischen Geheimdienste gleichzeitig an zwei Hauptfronten kämpfen: im Inneren Sicherheit und Stabilität gewährleisten und nach außen die Fähigkeit zu Vergeltungsschlägen gegen Israel steuern. In Teheran und Umgebung explodierende Autobomben zeigten, dass Sabotagezellen aktiv geworden waren. Das iranische Ministerium für Nachrichtenwesen und die Geheimdiensteinheiten der Revolutionsgarde erklärten, durch koordinierte Operationen binnen kurzer Zeit mit dem Mossad verbundene Zellen neutralisiert zu haben, die angeblich hinter diesen Aktionen standen. Dass am zweiten Kriegstag ein bereits zuvor inhaftierter Gefangener wegen Zusammenarbeit mit Israel hingerichtet wurde, zeigte zugleich, dass das Regime der uneingeschränkten Abschreckung potenzieller innerer Bedrohungen Vorrang einräumte.

Der Krieg wurde jedoch nicht nur im physischen Raum, sondern auch auf der Cyber- und psychologischen Ebene geführt. Cyberangriffe, die als von Israel unterstützt eingeschätzt wurden, führten zu einer kurzzeitigen Unterbrechung des iranischen Staatsfernsehens und zur Ausstrahlung provokativer Inhalte. Die iranischen Geheimdienste brachten die Sendungen durch technische Maßnahmen wieder unter Kontrolle und schränkten zugleich landesweit den Internetzugang ein, um die Verbreitung von Desinformation zu verhindern. In denselben Tagen verübten proiranische Hackergruppen, insbesondere Handala Hack, als Vergeltung Cyberangriffe gegen Israel. Einige israelische Medienkonten wurden übernommen, Daten iranischer Regimegegner veröffentlicht und Inhalte verbreitet, die in der Öffentlichkeit sicherheitsorientierte Reflexe verstärkten.

Eine weitere lebenswichtige Aufgabe der Geheimdienste während des Krieges bestand darin, Irans Fähigkeit zu Raketenvergeltungsschlägen mit geeigneten Zieldaten zu versorgen. Nach Angaben von Geheimdienstminister Esmail Chatib wurden während des Konflikts sensible militärische Koordinaten aus Israel beschafft und an die Streitkräfte weitergegeben. Es wurde behauptet, dass auf Grundlage dieser Daten bestimmte Ziele in Tel Aviv und Haifa getroffen worden seien. Auf diese Weise versuchten die iranischen Geheimdienste zu demonstrieren, dass sie nicht nur zu defensiven Reaktionen, sondern auch zur Führung des Krieges mittels Gegenzielerfassung und asymmetrischer Vergeltung beitragen konnten.

Die Reaktion nach der Waffenruhe: Konsolidierung des Sicherheitsstaats

Obwohl der Konflikt mit der am Morgen des 24. Juni verkündeten Waffenruhe endete, trat der Geheimdienstkrieg aus iranischer Sicht in eine neue Phase ein. Um die in diesem Prozess entstandene strategische Erschütterung unter Kontrolle zu bringen, verschärfte das Regime seinen inneren Sicherheitsapparat weiter. In den ersten 72 Stunden nach der Waffenruhe wurden insgesamt sechs Personen hingerichtet, denen vorgeworfen wurde, Mossad-Agenten zu sein. Diese Hinrichtungen sollten der Öffentlichkeit eine Botschaft der „Nulltoleranz“ nicht nur gegenüber äußeren Bedrohungen, sondern auch gegenüber potenziellen Kollaborateuren im Inneren vermitteln. Landesweit wurden Hunderte Menschen „unter Sabotageverdacht“ festgenommen; insbesondere in West-Aserbaidschan, Chuzestan, Kermanschah und Süd-Chorasan fanden umfangreiche Verhaftungsaktionen statt.

Auch die institutionelle Stärkung der Geheimdienste beschleunigte sich in dieser Phase. Während Generalmajor Madschid Chademi zum Leiter des Geheimdienstes der Revolutionsgarde ernannt wurde, erhielten die im Krieg getöteten Kommandeure den Titel „Märtyrer des Sieges“. In seinen Erklärungen unmittelbar nach dem Krieg betonte Geheimdienstminister Esmail Chatib, man kämpfe direkt gegen mehr als 50 ausländische Nachrichtendienste. Zugleich behauptete er, man habe durch die während des Krieges gewonnenen „Dokumente und digitalen Geheimdienstinformationen“ Israels Verwundbarkeit offengelegt.

Gleichzeitig verschärfte das iranische Parlament die gesetzlichen Bestimmungen zu Spionagedelikten. Die Zusammenarbeit mit feindlichen Akteuren wurde unter dem Tatbestand der „Verderbnis auf Erden“ in den Anwendungsbereich der Todesstrafe aufgenommen. Die Justiz unterstützte schnelle, politisch motivierte Verfahren und erweiterte damit den Handlungsspielraum der Geheimdienste. In diesem Prozess fungierten die iranischen Geheimdienste nicht nur gegen äußere Bedrohungen, sondern auch als zentrales Instrument der inneren Konsolidierung des Regimes. Die Waffenruhe bedeutete zwar eine militärische Unterbrechung, doch der Geheimdienstkrieg wurde mit zunehmender Intensität fortgesetzt.

Institutionelle Erneuerung und ideologische Verschärfung

Nach dem Junikrieg trat die iranische Geheimdienststruktur nicht nur personell, sondern auch in ihrer Denkweise in einen Umstrukturierungsprozess ein. Generalmajor Madschid Chademi, der an die Spitze des Geheimdienstes der Revolutionsgarde berufen wurde, gilt als diszipliniert und loyal. Ebenso deutet die in den Äußerungen von Geheimdienstminister Esmail Chatib häufig wiederholte Betonung von „Einflussagenten“, „Fronten der Zwietracht“ und „kybernetischer Infiltration“ darauf hin, dass sich die Geheimdienste künftig nicht auf Informationen aus dem Ausland, sondern auf die ideologische Geschlossenheit im Inneren konzentrieren werden.

Dieser Ansatz könnte dazu führen, dass sich die iranischen Geheimdienste statt auf wissensgestützte Analysen auf eine bedrohungsorientierte Alarmbereitschaft beschränken. Insbesondere Chatibs Aussagen im Sinne von „Der Feind versucht, das Regime von innen zu Fall zu bringen; wir wissen das und haben das Notwendige getan“ signalisieren eine Phase, in der sich die institutionelle Verteidigung nicht mehr auf Daten, sondern auf Loyalität stützt. Die stärkere Koordination der Geheimdienstinstitutionen, die Verschärfung der Rechtsgrundlagen und die Normalisierung einer „Jagd auf Verräter“ in der Öffentlichkeit zeigen, dass sich die iranischen Geheimdienste eng in die Logik des Sicherheitsstaats einfügen. Dies bringt eine Entwicklung mit sich, die ihre Aufgabe als Hüter des Regimes in den Vordergrund rückt und zugleich ihre Fähigkeit zu strategischer Vorausschau nach außen beschneidet.

Fazit: Der Krieg der Geheimdienste und das Überleben des Regimes

Der Konflikt vom Juni 2025 war eine Phase, in der die iranischen Geheimdienste nicht nur gegen den Feind, sondern auch gegen ihre eigene innere Struktur kämpfen mussten. Israels hochpräzise Treffer gegen sensible Ziele machten die Schwachstellen des iranischen Sicherheitsapparats sichtbar. Während dies Zweifel an den präventiven Fähigkeiten der Geheimdienste weckte, verstärkten ihre Reaktionen an den folgenden Kriegstagen die Abhängigkeit des Regimes von ihnen noch weiter. Die mit der Waffenruhe einhergehenden Massenverhaftungen, Hinrichtungen, institutionellen Ernennungen und scharfen gesetzlichen Regelungen zeigen, dass die Geheimdienste nicht mehr nur der Informationsgewinnung dienen, sondern unmittelbar als politischer Unterdrückungsapparat wirken.

Andererseits begannen die iranischen Geheimdienste, ihre Aktivitäten auf dem Territorium anderer Staaten auszuweiten, um ihr beschädigtes Ansehen wiederherzustellen und ein gewisses Maß an psychologischer Überlegenheit zu gewinnen. Mitarbeiter, die sie über Jahre in diesen Ländern, insbesondere in europäischen Staaten, angesiedelt und denen sie sogar zur Staatsbürgerschaft verholfen hatten, werden aus so einfachen Anlässen wie „dem Beschriften einer Wand“ enttarnt. Es ließen sich weitere Beispiele dieser Art anführen. Tatsächlich äußern diese Länder ihr Unbehagen über die iranischen Aktivitäten offen vor der Öffentlichkeit, wodurch Iran im weiteren Verlauf diplomatisch noch stärker isoliert wird.